Einmal pro Jahrzehnt laden die Wiener Philharmoniker einen Dirigenten ein, um mit ihm Beethovens neun Symphonien neu einzuspielen: Nach Rattle und Thielemann war nun Andris Nelsons im Jubiläumsjahr an der Reihe, mit dem die Wiener den Beethoven-Zyklus unter anderem in die Elbphilharmonie brachten.

Andris Nelsons und die Wiener Philharmoniker © Daniel Dittus
Andris Nelsons und die Wiener Philharmoniker
© Daniel Dittus

Beethoven liebte seine Achte sehr, wohl weil er in ihr mit seinem sehr eigenen Humor das Kleine suchte, um sich das Große darin spiegeln zu lassen. Darin bildet die Achte das Gegenstück zu der erhabenen Neunten.

Nelsons erzeugte ein mitreißendes Brio in den Ecksätzen seiner Achte und verstand es gut, das Kuriositätenkabinett des zweiten Satzes aus der Zeit fallen zu lassen. Aber so recht auf den bärbeißigen Humor des Werkes einlassen wollte er sich nicht. Das Menuett des dritten Satzes könnte noch altbackener daherkommen. Vor allem aber wären die etlichen von Beethoven komponierten falschen Einsätze der Pauken und Bläser deutlicher hervorzuheben gewesen, um so das wie schulmäßig zur Schau getragene Dreiermetrum auch wirklich zu stören.

Im Finale ließ Nelsons das Unisono-cis in das Orchester dann aber doch so hineinplatzen, „als ob jemand im Gespräch die Zunge herausstreckte“ wie es Louis Spohr treffend formulierte. So konnte, wenn in der zweiten Reprise das Thema im Gefolge dieses Störenfriedes nicht in F-Dur, sondern in fis-Moll sich austobte, doch, mit Jean Paul gesprochen, das Lächerliche in sein Gegenteil, das Erhabene, umschlagen. Hier kam zu Gehör, dass Beethoven die Idylle seiner Achten mit den ihr eigenen latenten Triebkräften schließlich selbst aufsprengte.

Nach der Pause erklang dann die Neunte. Visionäres Glühen war am Anfang zu hören, wo Beethoven das Beginnen von Musik auskomponierte. Das wohl erste kolossale Thema der Musikgeschichte wurde überzeugend als ein „erhabenes Chaos“ gestaltet, aus dessen Komplexität der Riesensatz sich entfalten konnte. Zu Beginn der Reprise erklang das Thema zwar nach Dur aufgelichtet, aber schwebend auf einem Sextakkord und in sich noch zerklüfteter als zu Beginn. Diese sich gegen alle Fesseln durchsetzende Sprengkraft ließ der oft als zu gemütlich gescholtene und damit unterschätzte Nelsons in aller Kraft ertönen. Gleichzeitig wurde die Reprise als Satzhöhepunkt inszeniert. Die Trauermarsch-Variante am Ende des Kopfsatzes ertönte ganz im Sinne Schillers, nach dem der Sieg nicht früher als am Ende zu erlangen wäre.

Es folgte der mit Leichtigkeit musizierte zweite Satz, in dem das Orchester eine motorische Energie erzeugte, deren Entfaltung sich kaum anders als mit einem Modewort bezeichnen lässt: mit Drive. Im langsamen Satz konnten die Wiener Philharmoniker einen ihrer Trümpfe ausspielen, ihren unvergleichbar seidigen Streicherklang, mit dem sie jede Figuration der Variationen mit Lebendigkeit auszufüllen wussten.

Im Finalsatz standen das hochkarätig aus Lucy Crowe (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), Russell Thomas (Tenor) Shenyang (Bass) besetzte Solistenquartett und der aus dem WDR Rundfunkchor und dem NDR Chor zusammengesetzte Chor im Zentrum. Beethoven nimmt weder Rücksichten auf die Sänger noch auf die Zuhörerschaft. Um so mehr war zu bewundern, dass selbst an den Stellen, wo er die Chorstimmen in höchste Höhen trieb, der Ton klangschön und der Text verständlich – selbst in der Doppelfuge wo beide Hauptthemen des Satzes miteinander kombiniert sind. Besonders gut gelang das Eingangsrezitativ, das Shenyang mit Inbrunst vortrug, dann die Passage „und der Cherub steht vor Gott“, die als Kniefall inszeniert wurde, in dem das hervorbrechende Erhabene alles zu zersprengen drohte und das Sternenadagio mit seiner „flimmernden Vision“ in den Holzbläsern.

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