Jewgeni Kissin ist ein Impulskünstler, der die Musik mit jeder Faser seines Körpers zu fühlen scheint. Die großen Emotionen scheinen ihm ganz natürlich aus den Fingern zu fließen, um sich in großartige Klänge zu verwandeln. Kissin hat sich vielleicht gerade deshalb lange von den großangelegten, architektonischen Beethoven-Sonaten ferngehalten. In den letzten Jahren hat er sich allerdings verstärkt auch diesem Repertoire geöffnet und zuletzt auch die späteren Sonaten auf einer Live-CD festgehalten. Für sein Recital in der Münchner Philharmonie hatte der Russe mit der Hammerklaviersonate Op.106 den Gipfel der Klavierkunst im Gepäck. Allein durch ihren Umfang ist die Sonate Nr. 29 bereits beeindruckend und ein so weit schweifendes Adagio findet sich kaum noch mal im Klavierrepertoire.

Jewgeni Kissin © Felix Broede
Jewgeni Kissin
© Felix Broede

Der Beginn gelang Kissin noch etwas verkrampft und das triumphale Thema zu sehr aus dem Klavier gestampft, das dadurch sehr massiv, weniger nach majestätischem Übermut und mehr nach harter Arbeit klang. Auch die eine oder andere Unkonzentriertheit schlich sich ein und die Phrasen hätten noch ruhiger ausgespielt werden können. Völlig frei spielte sich Kissin erst im zweiten Satz. Das Scherzo interpretierte er nicht in übermäßig flottem Tempo, dafür aber mit mitreißender, leichter Spielfreude. Nun klangen die Akzentuierungen deutlich schärfer, bewusster und das Spiel überhaupt deutlich kontrollierter. Sobald Kissin jedoch die ersten Akkorde des Adagios anschlug, entfaltete er sein ganzes pianistisches Können. In großen Linien und mit ungeheurer tiefgründiger Überlegtheit interpretierte er das Herzstück der Sonate. Jede Dissonanz ließ er genüsslich aufeinander prallen und jede Pause schien er zu genießen.

Die Hammerklaviersonate hatte die zeitgenössischen Zuhörer damals so sehr überfordert, dass man fast dachte, Beethoven sei verrückt geworden. Lange galt das Stück als unspielbar, bis der große Franz Liszt sich daran wagte. Aber Kissin behielt den Überblick und lief nach dem Agadio zu Hochform auf. Die Fugen des letzten Satzes, für die sich Beethoven von Johann Sebastian Bach inspirieren ließ, interpretierte Kissin mit explosiver Kraft und gradezu jugendlicher Beweglichkeit.

Schwelgerisch wurde es dann in der zweiten Hälfte, die Kissin mit einer Auswahl von Préludes von Sergej Rachmaninow bestritt. Bei seinem Programm, das er aus den Zirkeln Op.23 und 32 zusammengestellte hatte, wechselten langsame und schnelle Werke ab. Rachmaninow hatte seine Préludes in Anlehnung an Chopins 24 Préludes zwischen 1903 und 1910 komponiert und gemeinsam mit dem cis-Moll-Prélude bilden die Zyklen aus jeweils zehn und dreizehn Préludes einen gesamten Zyklus durch die Dur- und Moll-Tonarten.

Die großen Klanggesten und die üppige, romantische Farbigkeit schien sich Kissin deutlich intuitiver zu erschließen, als der vorangegangene Beethoven. Das B-Dur Prélude floss geschmeidig dahin und flutete die Philharmonie mit Klängen, während das g-Moll-Prélude zwar kraftvoll aber dennoch sehr geschmackvoll dezent marschierte. Dabei schattierte Kissin das Prélude dynamisch sehr detailreich ab und musizierte den lyrischen Mittelteil mit traumwandlerischer Fingerfertigkeit.

Aber auch die langsameren Préludes durchdrang Kissin und erfüllte sie mit einer sanglichen Melancholie, die ihm ganz zu eigen sein schien. Das Publikum wusste um den Einsatz von Kissin bescheid und bejubelte dementsprechend das Programm. Und Kissin bedankte sich mit vier Zugaben. Neben Scriabin und Rachmaninoff präsentierte Kissin mit seiner selbstkomponierten Toccata ein Virtuosenstück, dass über die ganze Klaviatur brauste und auch einige jazzige Elemente beinhaltete.

****1