Ein Schreckmoment in Amsterdam zu Beginn des Klavierkonzerts: Solist Krystian Zimerman saß hinter seinem eigenen Steinwayflügel (er besitzt derer sechs und präpariert sie jeweils passend zum Repertoire) auf der Bühne, Dirigent Gustavo Gimeno hatte das Königliche Concertgebouworkest schon die ersten Akkorde spielen lassen, brach aber abrupt wieder ab. Was war passiert? Zimerman musste ihm etwas zugerufen haben, denn der Pianist verließ daraufhin das Podium. Kurz nach ihm verlässt auch ein Geiger (Orchestervorstand) die Bühne. Die Spannung steigt mit jeder Minute. Zimerman ist ein absoluter Weltstar, der sich über politische Themen offen ausspricht und auch schon einmal ein Konzert unterbrach, um einen filmenden Zuschauer zur Rede zu stellen. Es lag also im Rahmen des Möglichen, dass es sich bei dieser Unterbrechung des Konzertes um eine bewusste Geste handelte. Glücklicherweise kehrte Zimerman jedoch nach wenigen bangen Minuten wieder zurück und gab im Folgenden eine grandiose Aufführung von Beethovens Drittem Klavierkonzert zum Besten.

Krystian Zimerman © Bartek Barczyk | Deutsche Grammophon
Krystian Zimerman
© Bartek Barczyk | Deutsche Grammophon

Man kann ohne Übertreibung schreiben und sagen, dass Zimerman zu den besten lebenden Pianisten gehört. In Amsterdam spielt er zum Beethovenjahr an drei Abenden hintereinander alle fünf Klavierkonzerte des Komponisten. Diesen Sonntag wiederholt er dann alle fünf noch einmal innerhalb von nur sechs Stunden. Das 1880 komponierte Dritte Klavierkonzert ist das einzige Beethovens in einer Molltonart.

Was als erstes auffiel, ist Zimermans Beethovenklang. Auf der Bühne stand ein großer Steinway. Der Klang jedoch, den Zimerman diesem Instrument entlockte, erinnerte eher an einen Erard, einem Instrument aus Beethovens Zeit. Die Ecksätze spielte Zimerman atemberaubend schnell und überirdisch mühelos. Jeglicher Klavierlöwenhabitus ist ihm fremd. Seine kleinen Hände mit ihren sehr kompakt bewegenden Fingern lassen Läufe und Trillerkaskaden brillant und beherrscht klingen. Zimerman war immer eine kleinste Zeitspanne vor dem Orchester auf dem Punkt, er führte auf diese Weise das Orchester unmerklich an. Seine Dynamik war nie aufdringlich; trotzdem war er immer zu hören. Die Sternstunde dieser Aufführung lag für mich in den ersten Takten des Largo. Zimerman sang (wie schon einige Male zuvor) kaum hörbar die einfache Melodie mit und dirigierte sie mit seiner freien Hand. So entstand einer dieser seltenen Momente, in denen man etwas Bekanntes mit neuen Ohren belauscht. Die Zeit stand still. Dies war dann auch der Moment, ab dem das Orchester ihm bedingungslos folgte. Das RCO spielte als Antwort sein sachtestes Pianissimo und ordnete sich auch klanglich ihrem Solisten unter. Das Publikum kam in den Genuss eines nahezu perfekten Konzerterlebnisses.

Ich war zu diesem Konzert ebenfalls gekommen, um die Welturaufführung von Christiaan Richters 2270 mitzuerleben. Richter hatte vor zwei Jahren das beeindruckende Orchesterstück Wendingen für das RCO geschrieben. Der nun 30-Jährige hatte darum in diesem Jahr den Auftrag bekommen, für Beethovens Klavierkonzerte Nr. 3 bis 5 ein kurzes „Companion Piece”, also ein kommentierendes Werk zu schreiben. Richter bediente sich rhythmischer Zitate aus Beethovens Werk, kontrastierend dazu erklangen moderne Geräuschstimmungen und Klangcluster. Das RCO spielte die Partitur unter Gimeno wuchtig bis lärmend. Soloklarinette und Trompeten machten melodiös auf sich aufmerksam und die zwei Hörner ahmten ihre Vorläufer, die Naturhörner nach. Damit kippte die Stimmung endlich ins Lyrische: die gestopfte Trompete verführte zum Träumen. Leider währte dieser Rausch nur kurz, denn damit endete urplötzlich 2270 auch schon wieder. Der Titel ist gleichermaßen eine Referenz und Frage an die Zukunft: werden wir in 250 Jahren noch Beethovens 500. Geburtstag feiern?

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