Es sei dem Rezensenten gestattet, wenn er in seiner Besprechung des vielbeachteten Klavierabends, den Daniil Trifonov als Artist in Residence der Berliner Philharmoniker, im ausverkauften großen Saal des Hauses gab, von der Hintertür in die Stube zu gelangen sucht. Er erinnerte sich, dass Joachim Kaiser dem seinerzeit ähnlich gefeierten Ivo Pogorelich den Rat gab, im deutschsprachigen Raum nicht soviel Haydn und Beethoven zu spielen, sondern das Publikum mit dem Schaffen der Komponisten der russischen Moderne bekannt zu machen. Ein Esel, wer diese Worte für anmaßend hielt ode gar als versteckt nationalistisch interpretierte. Sie waren meines Erachtens von einer ähnlichen Souveränität getragen, mit der Brahms einmal Hugo Wolf riet, er sollte nicht alles so leicht nehmen. Es war nun sicher nicht zufällig, dass mir diese Worte ins Gedächtnis kamen, als der Beifall nach Prokofjews Achter Klaviersonate loszustürmen begann.

Daniil Trifonov © Dario Acosta | Deutsche Grammophon
Daniil Trifonov
© Dario Acosta | Deutsche Grammophon

Wohlüberlegt rahmte Trifonov die erste Konzerthälfte mit zwei Sonatensätzen ein, die ihre Komponisten selbst aus den entsprechenden Sonaten eliminiert hatten. Beethovens Andante favori war ursprünglich der Mittelsatz der großen C-Dur-Sonate und wurde von Brendel gerade dann als Zugabe gespielt, wenn er diese Sonate aufführte. Trifonov spielte sich dagegen wohl eher nur warm mit dem Satz. Das sei verzeihlich, denn das Andante gehört doch eher zu den Harmlosigkeiten des Komponisten. Nicht aber die Klaviersonate Nr. 3, die Trifonov in einer neuen Mode direkt und ohne Zäsur dem Andante folgen ließ, so dass die weniger mit Beethoven vertrauten Hörer/innen unnötig irritiert wurden. Die Es-Dur-Sonate gehört zu den ironischen Werken, mit denen Beethoven auf die nicht zuletzt von ihm selbst aus der Musik vertriebenen Liebenswürdigkeiten des 18. Jahrhunderts zurückblickte; es ist eine Art „Musik über Musik“ der Musikgeschichte, in der Beethoven ironisch-distanziert Abschied von der Sonate des 18. Jahrhunderts nimmt. Bei Trifonov war wenig davon zu hören. Alle Ironie des Kopfsatzes geriet manieriert. An Virtuosität fordert die Sonate wenig, und so gelang Trifonov der zweite Satz mit seiner Motorik noch am besten. Das Finale heizte er künstlich auf und überdrehte es zu einer „wilden Jagd“, die mit ihrer Beute dann aber nichts anzufangen wusste. Der dritte Satz, das Menuetto, wurde sogar zu einer womöglich noch unfreiwilligen Persiflage, weil Trifonov das „Grazioso“ so langsam nahm, dass er es völlig verzerrte, statt es bei dem subtilen Augenzwinkern zu belassen, mit dem Beethoven es komponierte.

Bei Schumann fühlte sich Trifonov dann schon wesentlich besser zu Hause. In den kleinen Stücken der Bunten Blätter wusste er nun subtil die Schlüsse zu gestalten und sorgfältig mit einer Schleife zuzubinden, statt sie gewaltsam zu zertreten. Höhepunkt war für mich der Geschwindmarsch, mit dem Schumann den Zyklus beschlossen hatte. Auch dieses Stück gab dem Virtuosen kein Futter. Doch Trifonov wollte nun nicht mehr künstlich überraschen, sondern traf die feine Ironie Schumanns, die Beethoven auch so gut vertragen hätte!

Sofort gingen die Bunten Blätter in das aberwitzig schnelle Presto-Passionato über, mit dem Schumann ursprünglich seine Klaviersonate Nr. 2 beendet und den Satz dann, auf den Rat Clara Wiecks, durch einen anderen ersetzt hatte. Dieses Finale war nun wirklich enorm gut gespielt.

Die Darbietung von Prokofjews Achter Klaviersonate wurde dann schlicht kongenial gespielt. Trifonov begann diese autobiografische, im Krieg komponierte Sonate langsam, meditativ und durchkreuzte diese Idylle mit wilden Allegro-Abschnitten, die für Verstörung sorgten. Kontrastierende Klangwelten stürzten dabei auf- und ineinander. Im Mittelsatz spielte er das beschwingt-kantable Thema ohne jede Ironie, sondern ließ es, dem Notentext adäquat, für Entspannung sorgen. Im vorwärtsdrängenden, atemlosen Finale entlockte er dem Bösendorfer-Flügel metallisch-perkussive Töne und inszenierte ein regelrechtes Inferno. Das voraneilende Hauptthema mündete dann in einen Abschnitt, der von so schwerer wie unerbittlich voranschreitender Rhythmik beherrscht wird wurde. Im Mittelteil des Finales, wo das Thema des Andante-Satzes aufleuchtete, gelang es ihm, Friedenssehnsucht zu erwecken.

Dass Trifonov den Klavierabend fast sportlich nahm, belegten dann die Zugaben. Kaum eine Minute war nach der Darbietung der Sonate vergangen, da saß er schon wieder am Flügel und spielte zwei seiner Bearbeitungen von Vokalmusik Rachmaninows: zunächst die Vocalis aus den 14 Romanzen, dann seine Einrichtung des ersten Satzes, Die silbernen Schlittenglocken, aus dem Chorwerk Die Glocken für Klavier solo.

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