Gelang und gelingt der Leipziger Lobgesang des Monteverdi Choir in der Verknüpfung Bach-Mendelssohn (und Luther) mühelos, so ist die Kombination Beethoven und Mendelssohn beim Bonner Festival genauso offenkundig und ideal. Offenkundig deshalb, weil zum einen die sogenannte Symphonie-Kantate Mendelssohns in der konzeptionellen und revolutionären Nachfolge des großen Vorbilds steht und wie zahlreiche Werke Beethovens, so auch die dritte Leonoren-Ouvertüre, in Leipzig 1840 unter der Leitung des Gewandhauskapellmeisters erklang - womit der doppelte Bogen zu Leipzig geschlagen wird. Zum anderen und im Besonderen ergibt sich die Idealkombination durch die Interpreten, die werkimmanent-feierlich ihren symphonischen Zyklus beschließen, welcher bereits größtenteils in Bonn zu erleben war.

Sir John Eliot Gardiner und das London Symphony Orchestra © Barbara Frommann | Beethovenfest
Sir John Eliot Gardiner und das London Symphony Orchestra
© Barbara Frommann | Beethovenfest

Der Beethoven-Abschnitt des Abends passte dabei ebenfalls schon in sich, war doch die letzte und große Ouvertüre zu Leonore sozusagen ein dramatischer Auftakt ohne Worte. Wie bei Sir John Eliot Gardiner typisch, bewirkte er diesen Eindruck durch die berüchtigten Spiele mit Schwellern und spritzigen, neu gehörten Akzenten, die die Wellen einer spannungsgeladenen Strömung andeuteten; dazu kommt das bewusste Weglassen jeglichen Vibratos. Diese Markenzeichen und ungeheuren Stärken des Briten zeugen nicht von einem fälschlichen Eindruck lästiger Pedanterie, sondern resultieren in einer direkteren Sprache der Musik, die der Entdeckung, Theatralik und Originalität zugute kommen.

Die Schärfung der Kontraste und Instrumente wurde zunächst im klaren, stimmungsvollen, auftankenden Adagio offengelegt, in dem die Streicher die Fläche ziselierten, die Bässe die Kulisse des Dramas unterlegten, von dem vor allem Flöte und Fagott darüber kündeten. Im furios schnellen Allegro waren sie es dann, die mit noch dynamischerer, gewitzterer Akzentsetzung alles zu einem stürmischen Erlebnis aufschäumten. Das Blech meldete sich außerdem scharf zu Wort, wobei sich mit der alarmierenden Wachen-Trompete von der hinteren Empore aus ein gewaltiges, turbulentes Temperament entlud, das das London Symphony Orchestra eindrucksvoll und rhythmisch mitreißend umsetzten und verkörpern konnte.

So war die kurze Goethe-Vertonung danach, die außerdem im späteren Schaffen Mendelssohns wieder auftaucht, ein untermalendes Spiegelbild aus Ton und Worten. Gespiegelt wurde die glatte Meeresoberfläche von den verzückend leisen Streichern, auf deren Grundierung die vierundvierzigköpfige Mannschaft des Monteverdi Choir den Text mit flachen, egal-strengen, aber sanften Stimmen legte. Mit spitzer Regungslosigkeit ertrugen sie im dynamisch einzigartigen Beherrschen eines deutlichen wie effektvollen Pianos die nervige, ja betont „fürchterliche“ Flaute. Aus der Meeresstille erhob sich mit wirkmächtigem Crescendo zur Glücklichen Fahrt dann eine von Gardiner aus dem Musikhimmel Beethovens gemalten, „geschwinden“ Brise, dass der Seemann in kürzester Zeit an Land kommen müsste. Vor Vorfreude jubilierend, tosend, hektisch und geschäftig veranschaulichten die Stimmen des Chores flink und in kompakter Stärke kongruent mit denen des Orchesters die aufbrausende, fröhliche Raserei, die vom maximalen dynamischen und artikulatorischen Kontrast lebte und Beethovens revolutionäre Extremität abermals übersetzte.

Monteverdi Choir © Barbara Frommann | Beethovenfest
Monteverdi Choir
© Barbara Frommann | Beethovenfest

Akzent- und phrasierungsreich, dramatisch geladen blieb es mit dem Mendelssohn-Opus nicht nur, es wurde zudem etwas lyrischer. Der Lobgesang ließ in der Größe und Eigenheit des Werkes selbstverständlich mehr Raum dafür, Gardiner nutze damit auch die kompositorischen und geschmacklichen Unterschiede, Farben sowie die bibeltextliche Lobpreisung aus. Abgesehen davon eignet sich diese Rundheit auch bei der akustischen Trockenheit der Beethovenhalle, unter deren erschwerten Bedingungen dem Monteverdi Choir stets eine vorzügliche Diktion beibehielt. Nach einem differenzierten ersten Satz mit im Tempo leicht gemäßigter Themenvorstellung strömte eine sensiblere Wärme in die langsameren Varianten des Instrumentalparts. Mit straffer und doch wohliger Freiheit des sonnigen Allegretto und der geistig-festlichen Tiefe des Adagio religioso, das nicht zu streng herüberkam, goss Gardiner genauso eine gewachsene, ausgeformte, organische Ringschiene, wie er ihr frischen Atem verlieh.

Die feierliche Belebung intensivierte sich ausdrücklich im gesanglichen Teil dreiklanglich in Stimmkraft, Expressivität und Dramatik. Jubelextase entfaltete der Chor knackig-markant in der äußerst schnellen Psalmvertonung Alles was Odem hat zu Beginn und im überschwänglichen Dankes-Ende, zudem in der packenden, exakten, luftigen und feinen „Waf-fen (!) des Lichts“-Erleuchtung unter Horn- und Fagottschein – ein Gänsehautmoment. Energisch, voll Überzeugung, dynamisch und worterhellend durchdacht wie nur beim Monteverdi Choir wurde der Choral meisterhaft intoniert.

Solistisch variabel war auch besonders Lucy Crowe, die ihren brillanten, farbigen Sopran mit ihrer Klasse in Technik und Diktion prächtig, transparent und lieblich im Festakt erschallen ließ. Mit dem freieren Timbre, das sie durch ihr aufpfropfendes Drapieren der hohen Töne so unnachahmlich modulierte, passte sie ebenso im Duett zu Jurgita Adamonytės Stimme wie zu Patrick Grahl. In seinen schmerzlich-gütigen Arien agierte dieser mit klar-angenehmem, lyrischem Tenor galant und weich. Diesem Ansatz blieb er auch mehrheitlich in der inhaltlich kontrastschärfenden, großen „Finsternis“ treu. Die Zuhörer erlebten ein Festival- und Zyklusfinale, wie man es sich nur wünschen kann.