Einundzwanzig Sängerinnen und Sänger am Besetzungszettel der Wiener Staatsoper, zwei große Chöre, drei Ballettensembles, fünf Stunden Erlebnis: Wer Les Troyens sagt, sagt auch Gigantomanie – aber wie sonst sollte man Vergils Aeneis gerecht werden?

<i>Les Troyens</i> © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Les Troyens
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Berlioz hat mit seinen Trojanern unbestritten die monumentalste grand opéra geschaffen, doch täte man dem Werk unrecht, es auf seine Dimensionen zu reduzieren: Der Fall von Troja, erweitert um die tragische Liebesgeschichte von Dido und Aeneas (bei Berlioz: Didon und Enée), erzählt sich nicht in einem Einakter, und Berlioz hatte, bei allem Größenwahn, Sinn für Details. Er brannte für den Stoff und fasste ihn in eigene Worte und rauschhafte Musik; mit dicker Orchestrierung, aber nie bombastisch oder schwülstig. Les Troyens lebt dramaturgisch und insbesondere musikalisch von spannenden Gegensätzen – das Unerwartete, die Konfrontation verschiedener Stimmungen, übersetzt in Rhythmus, Melodie und Klangfarbe, übt einen unwiderstehlichen Reiz aus.

Brandon Jovanovich (Enée) und Joyce DiDonato (Didon) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Brandon Jovanovich (Enée) und Joyce DiDonato (Didon)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Das Werk beginnt mit der Freude der Trojaner über das scheinbare Ende des zehnjährigen Kriegs mit den Griechen und wird kontrastiert durch Cassandres üble Vorahnungen, denen nicht einmal ihr Verlobter Chorèbe Glauben schenkt. Nur kurz, bei der Nachricht vom Tod des Laokoon, der vor dem trojanischen Pferd gewarnt hatte, ist das Volk verunsichert. Mit diesem Grauen, das sich als „mystérieuse horreur“ im Chor manifestiert, hat bereits der erste Akt einen beeindruckenden Höhepunkt. Bekannterweise missdeuten jedoch alle – der Held Enée inklusive – die Umstände von Laokoons Tod, und besiegeln mit dem Einzug des berühmten Pferdes in die Stadt ihr Schicksal. (Bei Ausstatterin Es Devlin ist das Pferd aus Versatzstücken des Krieges gebaut und von innen beleuchtbar.)

<i>Les Troyens</i> © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Les Troyens
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Der zweite Akt zeigt Szenen der letzten Stunden von Troia. In dessen Finale überzeugt Cassandre viele Troianerinnen, mit ihr in den Freitod zu gehen und sich nicht dem Feind auszuliefern. Unweigerlich muss man hier an Francis Poulencs 100 Jahre später entstandene Dialogues des Carmélites denken und ist dementsprechend erschüttert.

In der Inszenierung von David McVicar wird Bewährtes serviert. Man hat jene Produktion eingekauft, die ihren Ursprung am Royal Opera House in Covent Garden hat. Das Werk wird als das gezeigt, was es ist, wobei die Optik sowohl an Kriegs- als auch an Gladiatorenfilme erinnert und teilweise mit opulenten Kostümen im Stil des 19. Jahrhunderts aufwartet. Da selbst die große Bühnen für so viel Personal eng werden, baut Es Devlin ihre Bühnenarchitektur in die Höhe und nutzt diese Dimension auch im Sinne des Werks: Wenn sich bei Enées Wegfahrt aus Karthago das zerbrochene Mini-Modell der Stadt ins (nur angedeutete) Wasser neigt, und die Taue des (ebenfalls nur angedeuteten) Trojaner-Schiffs gelöst werden, hat das hohe Symbolkraft.

Monika Bohinec (Cassandre) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Monika Bohinec (Cassandre)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Als Cassandre beeindruckte am Premierenabend Monika Bohinec. Sie war kurzfristig für die erkrankte Anna Caterina Antonacci eingesprungen, wirkte aber jederzeit sicher und machte die einsame Verzweiflung der Unverstandenen erlebbar. Adam Plachetka schien als Chorèbe nicht in Hochform, dafür gelang das Hausdebüt des österreichisch-neuseeländischen Bassisten Anthony Robin Schneider überzeugend. Als Schatten des Hector packt er den großen Enée im Nacken und überbringt ihm einen göttlichen Auftrag: Er soll Troia in Italien neu gründen.

Damit ist für den Rest des Abends alles klar: Das Glück, das Enée und seine Gefolgschaft bei Didon in Karthago finden, wird nicht von Dauer sein, und Enées Mission mehr als nur ein Menschenleben zerstören. Am spektakulärsten jenes von Didon, die einen Scheiterhaufen mit Erinnerungsstücken an ihre Liebe errichten lässt, und sich schließlich ins Schwert des Geliebten stürzt. In dieser Szene („Adieu, fière cité“) lief Joyce DiDonato am Premierenabend erwartungsgemäß zu Hochform auf, und doch hatte sie ihre beste Szene ganz allein vor einem schwarzen Vorhang. Leise Trauer, manisches Verlangen, den Geliebten zurückzuholen, und am Ende ein Fluch über ihn und seine Nachkommen – das war einer dieser Opernmomente, den man nicht vergessen wird.

Joyce DiDonato (Didon) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Joyce DiDonato (Didon)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Dementsprechend stürmisch feierte man DiDonato am Ende dieses Abends, an dem aber noch viel mehr zu zelebrieren war, beispielsweise die großartige Leistung von Ensemblemitglied Szilvia Vörös, die ihrer berühmten Kollegin in Technik und Stimmschönheit um nichts nachstand. Die anspruchsvolle, lange Partie des Enée – eine Art französischer Siegfried – stemmte Brandon Jovanovich bravourös. Der übrigen Besetzung, darunter bekannte Namen wie Jongmin Park, kann man nur pauschales Lob aussprechen. Selbiges gilt für den Chor, der dem Vernehmen nach schon seit dem Frühsommer probte. Eine angenehme Überraschung waren die Tanz- und Akrobatikeinlagen, die in der Choreographie von Lynne Page zur Handlung beitrugen – ich kann mich an keine Opernaufführung erinnern, in der das Ballett von einer Qualität war, die ebenso großen wie verdienten Szenenapplaus hervorrief.

Große Wirkung hatte auch und vor allem das, was das Staatsopernorchester im Graben zauberte, und das liegt nicht nur am Reiz des Neuen (40 Jahre hatte man das Werk in Wien nicht gegeben, und schon gar nicht ungekürzt): Unter der Leitung von Alain Altinoglu entfalteten sich die Schönheiten der Partitur in ihrer ganzen Herrlichkeit; eine Leistung, die ihm und Berlioz wohl etliche neue Fans beschert.

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