Die Orgel im symphonischen Konzert in den Mittelpunkt zu stellen, kommt nicht allzu häufig vor. Und das, obwohl die Königin unter den Instrumenten in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom erlebt hat – nicht zuletzt durch so prominente Interpreten, wie Cameron Carpenter. Die Orgel abseits von Barock und sakralem Beiwerk bekommt man selten zu hören. Daher ist es umso erfreulicher, dass das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung ihres Chefdriigenten Mariss Jansons die lettische Organistin Iveta Apkalna einluden, um in der Münchner Philharmonie das Schmuckstück des Konzertsaals, die Klais-Orgel, ins Zentrum ihres Programms mit französischer Musik aus dem 19. und 20. Jahrhundert zu stellen.

Iveta Apkalna © Peter Meisel | BRSO
Iveta Apkalna
© Peter Meisel | BRSO

Den Auftakt bildete die Konzertouvertüre Le carnaval romain von Hector Berlioz, die die Symphoniker mit ihrem mediterranen Gestus luftig und mit einiger Spritzigkeit durch den Gasteig tanzen ließen. Jansons hielt das Orchester klanglich leicht, war aber nicht unbedingt bis auf’s letzte Detail bedacht. Insgesamt wirkte die Ouvertüre zwar transparent und frisch jedoch nicht wirklich aufregend. Spannender wurde es aber sowieso mit dem Programm, das noch folgte.

Das Orgelkonzert von Francis Poulenc changiert zwischen Notre Dame und Jahrmarkt und bildet eine kollagenartige, bildgewaltige Impression des Paris der 1930er-Jahre mit ungewöhnlicher Orchesterbesetzung. Neben den luziden, gleißenden Klängen der Orgel mischen sich Streicher und Pauke wie zusätzliche Register in den Klang ein. Apkalna mischte die Gegensätze aus barocken Reminiszenzen und tänzerischer Groteske wunderbar ab, ohne die konträre Schroffheit des Werks zu glätten. Dass das Orgelkonzert allerdings mehr als nur effektvolle Zurschaustellung von Klangfarben ist, wusste Apkalna mit subtiler Emotionalität zu unterstreichen. Nicht von ungefähr verwies Poulenc selbst neben seiner Kirchenmusik auch auf sein Orgelkonzert, wenn es darum ging, ihn als ernsthaften und aussagekräftigen Komponisten zu verstehen. Jansons und das BRSO erweiterten mit dichtem Streicherapparat den Orgelklang und wirkten dennoch leicht und klar im Klang. Als Zugabe spielte Apkalna eine Toccata über den Choral Allein Gott in der Höh‘ von Aivar Kalejs. Ein verspielter, aber etwas konventioneller Beitrag aus ihrer lettischen Heimat.

Iveta Apkalna und Mariss Jansons © Peter Meisel | BRSO
Iveta Apkalna und Mariss Jansons
© Peter Meisel | BRSO

Nach der Pause saß Apkalna ebenfalls wieder an der Orgel, diesmal jedoch als Teil des Orchesters, das sich großbesetzt für den spätromantischen Orchesterbombast, den Camille Saint-Saëns für seine Orgelsymphonie auffährt, rüstete. Bei aller sakralen Überhöhung im Finalsatz, wendete sich Jansons umso demonstrativer den vorausgehenden Sätzen zu. Differenziert und mit feinem Gespür für die leisen Momente der Musik entwickelte der Lette eine Interpretation, die nicht mit den Muskeln spielte, sondern sehr präzise musikalische Bögen spannte. Da wunderte es nicht, dass gerade nicht das Maestoso-Finale, sondern das Poco adagio, das den ersten Satz abschließt zum Höhepunkt der Symphonie avanciert. Herrlich konzentriert beschwörten Jansons und das Orchester dezente Klangmagie hervor – unterlegt mit feinem Fernorgeleffekt. Aber auch das Streicherthema des Allegro moderato zu Beginn atmete bereits die Spannung, die die Symphonie im Weiteren prägen sollte. Jansons gewährte den Musikern mit seiner dezenten Gestik beim Dirigieren viel Raum zur Entfaltung. Romantischen Klangüberfluss ließ er dankenswerter Weise allerdings links liegen und eröffnete einen kontur- und abwechslungsreichen Blick auf die Symphonie. Durch geschickte Temporückungen wirkte das Finale beweglich, obwohl Jansons prinzipiell von einem langsameren Tempo ausgeht. Insgesamt gelang den Symphonikern des Bayerischen Rundfunks ein grandioser Abend, der den Auftakt für eine zweiwöchige Tournee bildet, die in verschiedene Hauptstädte Europas führen wird.

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