Das ist alles Musik des 20. Jahrhunderts? Wer das Programm der Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Semyon Bychkov hörte, dürfte überrascht gewesen sein. Bernsteins Symphonische Tänze aus seinem jazzigen Musical-Welterfolg West Side Story in kammermusikalischer Besetzung mit zwei Klavieren und Perkussion trafen auf das gleichnamige nur sechzehn Jahre ältere Werk von Sergej Rachmaninow, in dem der Russe in unnachahmlicher Art seine alte russische Heimat in herzzerreißenden Melodien aufleben lässt. Den Mittelpunkt des Programms bildete Luciano Berios‘ experimentelle und postmoderne Sinfonia. Nicht einmal 30 Jahre trennen die Uraufführungen der Werke und dennoch scheinen Welten zwischen den Kompositionen zu liegen. Bychkov allerdings gelang der Spagat und er präsentierte ein spannendes und ungewöhnliches Programm.

Semyon Bychkov © Chris Christodoulou
Semyon Bychkov
© Chris Christodoulou

Im ersten Drittel des Programms überließen die Münchner Philharmoniker die Bühne den Pianistenschwestern Katia und Marielle Labèque sowie den Perkussionisten Raphael Séguinier und Gonzalo Grau für Tänze und Songs aus West Side Story – die Symphonischen Tänze in Taschenformat. Die Lebèque-Schwestern hatten diese Bearbeitung in den achtziger Jahren persönlich in Auftrag gegeben und wagten mit dieser kammermusikalischen Bearbeitung den Härtetest in der Philharmonie, die doch eher als akustisches Sorgenkind gilt. Wider Erwarten klangen die Hits aus der West Side Story im Arrangement von Irwin Kostal auch im großen Auditorium gut und boten einen interessanten neuen Blick auf Bernsteins Musik von „America“ über „I feel pretty“ bis „Tonight“. Das gelang an einigen Stellen richtig gut, an anderen Stellen, wie zum Beispiel dem „Mambo“, wünschte man sich dann aber doch die klanglich ausgereiftere Orchesterversion zurück. Dennoch, swingend ließen die vier Musiker die Songs und Tänze vibrieren und verwandelten im „Rock Blues“ die Philharmonie in einen New Yorker Blues-Schuppen – Szenenapplaus inbegriffen.

In seiner Sinfonia kreierte Luciano Berio einen experimentellen, neuen Sound mit elektronischen Elementen, der aus der Verbindung von Sprache und Musik entsteht. Die London Voices interpretierten das dichte Netz aus dissonanten Lauten, Wortfetzen und ironischen Kommentaren. Bychkov, der das Londoner Ensemble direkt vor sich positionierte, hatte Orchester und Sänger fein ausbalanciert. So entsponn sich im zweiten Satz ein Klagegesang auf den ermordeten Bürgerrechtler Martin Luther King und im dritten Satz eine musikalische Collage basierend auf dem Scherzo aus Gustav Mahlers Zweiter Symphonie und mit Referenzen auf Richard Strauss und Maurice Ravel sowie Zitatfetzen aus Simon Becketts The Unnamable. Wenn in Mahlers „Auferstehungssymphonie“ die Blechbläser zu Jubelfanfaren ansetzen, überlagert Berio den Klang mit kreischenden Clustern, die Bychkov genüsslich über das Publikum hereinbrechen und pulsieren ließ. Etwas zerfallen wirkte schließlich der letzte Satz, den Berio nachträglich eingefügt hatte, um das Material der vorangegangenen Sätze nochmal aufzugreifen und in Verbindung zu setzen.

Mit den Symphonischen Tänzen von Sergej Rachmaninow schlossen die Münchner Philharmoniker den Abend ab und stellten ihre Wandlungsfähigkeit geradezu spektakulär unter Beweis. Minutiös hatte Bychkov das Orchester eingestellt und achtete auf jedes klangliche Detail. Gleichzeitig wirkte die Mischung aus melancholischer Sentimentalität und rhythmischer Expressivität so lebendig und selbstverständlich wie es nur wenige Orchester können. Sanglich erhob sich das Saxophonsolo über dem Orchesterklang und wirkte dabei ergreifender als sonst. Die Walzer des zweiten Satzes hielt Bychkov angenehm schlank und dezent, um im Finale die Philharmoniker zu satten Sounds anzuspornen. Bychkov gelang es, die düster-nostalgischen Tänze ohne jegliche Sentimentalität und mit einem feinen Gespür für die angemessene Stimmung zu interpretieren.

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