Die musikalische Heimat des gebürtigen Kolumbianers ist Wien. Hier wurde Andres Orozco-Estrada ausgebildet, leitete mehrere Jahre lang das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und hierhin kehrt er 2021 zurück. Vor wenigen Wochen unterzeichnete Orozco-Estrada einen auf fünf Jahre angelegten Vertrag als 16. Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Doch unlängst haben auch die Wiener Philharmoniker den jungen Dirigenten für sich entdeckt. Als Zubin Mehta die Leitung der Konzerte anlässlich des 100. Geburtstags von Leonard Bernstein krankheitsbedingt absagen musste, bat das Orchester Orozco-Estrada, nicht nur die Tourneekonzerte, sondern auch noch einige Abonnementkonzerte im Musikverein zu übernehmen. In der Alten Oper Frankfurt präsentierte sich der Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters am vergangenen Mittwoch zwar an einer ihm bestens bekannten Spielstätte, die Handbremse blieb jedoch trotzdem über weite Programmstrecken angezogen.

Andrés Orozco-Estrada und die Wiener Philharmoniker © Alte Oper Frankfurt | Tibor Pluto
Andrés Orozco-Estrada und die Wiener Philharmoniker
© Alte Oper Frankfurt | Tibor Pluto

Eröffnend rollte die schwungvolle Ouvertüre zu Leonard Bernsteins Operette Candide durch den prallgefüllten Saal. Das Stück knallte und saß freilich, da wackelte nichts. Doch dieser Selbstläufer hätte wahrscheinlich auch gänzlich ohne Zutun des bescheidenen Maestro genauso geklungen. Denn Orozco-Estrada gab den zurückhaltenden Gastgeber. Das fiel bei der kurzweiligen Ouvertüre noch nicht weiter ins Gewicht, aber bei den Haydn-Variationen von Johannes Brahms, die Orozco-Estrada anstelle der 5 Orchesterstücke von Arnold Schönberg aufs Programm gesetzt hatte, begann man eine beherztere Gestaltung zu vermissen. Orozco-Estrada nahm das liebevolle Choralthema zwar angenehm frisch und sportlich, die Stimmungen der einzelnen Variationen jedoch arbeitete er nur ansatzweise heraus. Da wäre die Farbpalette dieses fantastischen Orchesters noch größer gewesen.

Herzstück des Konzertprogramms war Brahms' Symphonie Nr. 1 in c-moll. Über sein Erstes Klavierkonzert und seine Erste Serenade für großes Orchester hatte sich der Komponist über viele Jahre langsam der symphonischen Gattung angenähert. Auf einer Reise nach Wien schließlich begann Brahms mit den Arbeiten an seiner Ersten Symphonie, die sich allerdings über 14 Jahre hinziehen sollten. Orozco-Estrada kennt das gesamte symphonische Werk des romantischen Komponisten freilich bestens. Hatte er doch letzten Monat erst den Brahms-Zyklus mit dem hr-Sinfonieorchester beendet. Vielleicht gelang es ihm deshalb, nach der Pause ein wenig freier zu dirigieren und dem Orchester mehr Raum zu lassen. Eindrucksvoll entfaltete sich der satte Ton des mächtigen und immer noch auffallend männlich dominierten Streicherapparats. Trotz seiner Größe agierte er mit meisterlicher Präzision. Ebenso akkurat wie bezaubernd traen die zahlreichen Bläsersoli aus dem differenzierten Klangbild, das Orozco-Estrada gut im Griff hatte. Auch die rhythmische Struktur gestaltete er durchgehend transparent. Zwar gingen im kleinteiligen Puls einige große Bögen verloren, doch das Finale gelang wirkmächtig in erhabener Fulminanz.

Selbstverständlich muss man Orozco-Estrada zu Gute halten, dass er kurzfristig für den erkrankten Mehta eingesprungen war. Bescheiden, doch durchweg souverän und solide dirigierte der 40-jährige das traditionsreiche Orchester. Sein Kalkül, das ihm an zu vielen Stellen dieses Konzerts noch im Weg stand, mag der Anspannung geschuldet gewesen sein. Denn dass durchaus auch Feuer und Spielfreude mit ihm durchgehen können, bewies Orozco-Estrada in der Zugabe. Im Ungarischen Tanz Nr. 1 ließ er das Orchester endlich vom Zaum. Von dieser Risikobereitschaft hätte man sich mehr gewünscht.

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