Ich habe selten ein Konzertprogramm gehört und erlebt, in dem Kompositionen von zehn verschiedenen Komponisten aufgeführt wurden. Die Matinee-Serie, die der holländische Rundfunk jetzt schon in seiner 58. Saison im Amsterdamer Concertgebouw organisiert, wagte dieses Experiment und machte es sogar in normaler Konzertlänge möglich. Ein wenig geschummelt wurde dabei letztendlich insofern, da sieben zeitgenössische Komponisten nur eine relativ kurze Variation zu einem Thema von Purcell beitrugen.

Hannes Minnaar © Marco Borggreve
Hannes Minnaar
© Marco Borggreve

Was könnte der Grund dafür sein, dass sich die Programme klassischer Konzerte seit Jahrzehnten vor allem auf eine Handvoll Komponisten konzentrieren? In einer Welt, die sich ständig und immer schneller verändert, ist der Konzertsaal vielleicht ein letzter Zufluchtsort, an dem man sich nostalgisch an Altbewährtem laben kann. Und zu diesem Altbewährten gab es bei dieser Fülle unbekannter Komponistennamen jede Menge Verweise. Es begann mit Voltaire, dessen Novelle Candide Leonard Bernstein 1956 als Vorlage für seine Operette gleichen Namens gebrauchte. Voltaires Text diente Bernstein als Vorlage für seine Anklage gegen die Kommunistenverfolgungen in den USA der fünfziger Jahre. Auch er selbst stand auf der schwarzen Liste von Senator McCarthy. Das Radio Filharmonisch Orkest (RFO) spielte unter Wayne Marshall die Ouvertüre in flottem Tempo und mit großer dynamischer Bandbreite. Candide flog mit viel Witz und hervorragend ausgeführten Effekten im Nu vorbei.

Der Rest des Programmes erklang zum ersten Mal live in den Niederlanden: Hannes Minnaar war der Solist im Klavierkonzert Dynamic Triptych, Op.88 des Engländers John Foulds (1880-1939). Foulds Musik klang manchmal wie die Minimalmusik des Amerikaners John Adams und überraschte immer wieder mit unerwartetem Klangmaterial. Das Orchester war groß besetzt und Minnaars feinfühliger Anschlag ging leider viel zu oft im Orchestertutti unter. Seine Kadenzen waren virtuos gespielt und klug getimed. Im langsamen zweiten Satz Dynamic Timbre, Lento molto waren Minnaars Soli träumerisch melodiös gespielt und verschmolzen mit vorsichtigen Bläserakkorden. Ein Trompetensolo begleitete er mit lässiger Eleganz. Sein Ton war nie aufdringlich oder gewalttätig, was ihn aber vom Dirigenten abhängig machte, der das Orchester jedoch kaum im Zaum hielt. Sehr rhythmisch und schnell begann der dritte Satz, in dem Foulds mit farbenzauberischen Effekten seinen Spaß trieb. Schlagzeug und Pauken leiteten die Coda ein, die alle Beteiligten in einem Schnellheitskarussell zum Höhepunkt peitschte.

Im Jahre 2002 gab das BBC Music Magazine zu seinem zehnjährigen Bestehen sieben Komponisten den Auftrag, jeweils eine Variation auf das populäre Werk Purcells, Hail! Bright Cecilia, zu schreiben. Die Komponisten Colin Matthews, Judith Weir, Poul Ruders, David Sawer, Michael Torke, Anthony Payne und Magnus Lindberg kamen dem Auftrag nach und so entstand eine beispiellose moderne Ode an die Schutzheilige der Musik. Matthews hatte das Purcellthema erst für zwei Oboen und Continuo (elektrisches Cembalo) instrumentiert und dann in unsere Zeit übersetzt. Man trat in diesem 2. Tema Elaborata, Solenne ganz wörtlich aus der Nostalgie ins Hier und Jetzt. Matthews machte die Transformation zur Musik des 21. Jahrhunderts vor allem gefühlsmäßig deutlich: die Klänge waren komplexer und die musikalischen Stimmungen vielschichtiger. Die einzige Frau in dieser Komponistenriege bekam neben vielen Preisen auch den Titel „Master of the Queen’s Music“ im Vereinigten Königreich. Sie hatte ihre Variation Thou tuns, Calmato/Molto vivace um den schnellen Wechsel von dunklen Streicherklängen und aufgeregten Bläsersequenzen aufgebaut. Die sehr gedrückte Atmosphäre endete im Lamento.

Bei dem Dänen Poul Ruders stieg über gestrichenen Xylophon- und Vibraphontönen sehr langsam eine Melodie aus den Bässen bis zu den Hörner. Flöten und Oboen kommentierten auf barocke Weise den ausgebreiteten dissonanten Klangteppich. Angeführt von den Klarinetten wurde ein albtraumartig anschwellender Cluster aufgebaut, mit dem diese Variation endete. Nach dem Überschreiten der Schmerzgrenze nahm der Jazz bei David Sawer seinen Einzug. Seine Variation Fantastico klang wie ein Big Band-Stück mit rhythmischen Streichern. Michael Torke setzte diesen Stil im für ihn typischen Jazzrockidiom fort. Das Schlagzeug war deutlich zu hören und diese Variation Giocoso, Agressive sorgte für gute Laune. Anthony Payne ließ sich zu einer großen Orchesteretüde hinreißen, mit Anklängen an Elgar in seinen Blechbläsersoli. Der Finne Magnus Lindberg hatte das letzte Wort im Finale grande. Bombastisch mit vollem Blech klang das RFO hier wie eine Orgel mit vollem Register und so endete Bright Cecilia als pompöses Bravourstück. Man konnte sich des Eindruckes nicht verwehren, dass diese Zusammenarbeit allen beteiligten Komponisten gefallen haben muss.

James MacMillan hatte mit seiner Komposition Woman of the Apocalypse am Ende dieses Programms einen schweren Stand. Inspiriert durch Gemälde von Dürer, Rubens, Doré und Blake hatte er eine sehr düstere Komposition geschrieben, in denen die Blechbläser eine große erzählende Rolle einnahmen. Ihre langen Chorsoli wurden vom Rest des Orchesters kommentiert. Die Stimmung war düster und der biblische Zorn Gottes fühlbar. Mit der Ode an die Schutzheilige der Musik noch im Ohr ließ sich das Publikum seine gute Stimmung trotzdem nicht wegblasen.

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