Wenn man sowohl den Komponisten als auch den Widmungsträger eines Werks gemeinsam auf der Bühne findet, ist man meistens bei der Uraufführung dieses Werks dabei. Die Uraufführung des Klavierkonzerts Processions des isländischen Komponisten Daníel Bjarnason ist schon zehn Jahre her, beim Gastspiel des Iceland Symphony Orchestra im Münchner Herkulessaal hatte das Publikum allerdings noch einmal die Möglichkeit, das Werk in Originalbesetzung zu hören. Bjarnason hatte das Werk 2009 speziell für den Pianisten Vikingur Ólafsson komponiert und 2010 mit gleicher Besetzung bereits auf CD eingespielt. Kein Wunder also, dass das knapp halbstündige Werk beim Münchner Gastspiel bereits den lässig, kühlen Charme eines Avantgardeklassikers versprühte.

Víkingur Ólafsson © Ari Magg
Víkingur Ólafsson
© Ari Magg

Mit metallischen Schlägen begann das Iceland Symphony Orchestra den ersten Satz In Medias Res und arbeitete sich minutiös an der stahlklaren, eisigen Klangsprache ab, die Bjarnason blitzartig in turmhohe Klangcluster umschlagen ließ, aber gleichzeitig betörende Lyrikpassagen im Stile eines Rachmaninows oder Saint-Saëns‘ entwickelte. Bjarnasons Umgang mit dem Solistenpart ist eine Absage an das Virtuosenkonzert des 19. Jahrhunderts. Zwar wirkt die äußerliche Dreisätzigkeit ganz der Tradition verpflichtet, zu Virtuosenallüren animiert die minimalistische Partitur allerdings nicht. Dem Modernisten Ólafsson lag allerdings gerade diese Introspektive und er fügte sich mit seinem kühl-klarem Spiel nicht nur hervorragend in das orchestrale Klangspektakel ein, sondern verfügte auch über das Talent, selbst die stellenweise provokativ banalen Akkordfolgen in tiefschwarze Abgründe zu verwandeln. Nach dem teuflisch brodelnden Finale Red-Handed klang selbst der Bach als Zugabe wie eine feingliedrige Etüde von Philip Glass.

Bereits zuvor hatte das Iceland Symphony Orchestra mit Ausschnitten aus beiden Peer Gynt-Suiten sein Können sehr farbenreich präsentiert. Auch wenn die Morgenstimmung nicht ganz so frei singend daherkam, beeindruckten vor allem die Werke aus der zweiten Suite, die Bjarnason mit sakraler Archaik zelebrierte, bevor er mit kontrolliertem Krawall zur ersten Suite zurückkehrte und in die Halle des Bergkönigs entführte.

Das nordische Eis der ersten Hälfte kontrastierte nach der Pause schließlich russisches Feuer mit der Vierten Symphonie von Pjotr Tschaikowsky. Bjarnason präsentierte sie als viriles Lebemannportrait, in dem das Fatum-Motiv des Kopfsatzes weniger nach verzweifelter, düsterer Vorahnung klang, als vielmehr nach trotzigem, sprühendem Hedonismus. Statt auf glänzende Champagnerstreicher setzte das Iceland Symphony Orchestra auf seine starken Holzbläser, die mit großer Spielfreude den Orchesterklang farbig gestalteten. Das Oboen-Solo des zweiten Satzes betörte mit seiner lyrischen Qualität, dennoch ergingen sich Bjarnason und das Orchester nicht in sentimentaler Melancholie. Die Pizzicato-Raserei des Scherzos ließ Bjarnason grotesk unvermittelt auf die Holzbläser treffen, die vergnügt und ausgelassen vor sich hin trällern durften. Diese Doppelbödigkeit führte Bjarnason schließlich im rasselnden Finale auf die Spitze. Der Abgrund, der sich vor diesem nervösen, überdrehten Volksfestüberschwang aufbaut, wurde bei der Interpretation der Isländer nur all zu deutlich. So war das Gastspiel des Iceland Symphony Orchestra eine spektakuläre Gratwanderung zwischen musikalischem Feuer und Eis, das seinen klaren Höhepunkt im Klavierkonzert fand.

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