Die Volksoper hat Harry Kupfers Regiearbeit aus 1984 aus dem Fundus geholt und neu einstudiert, womit man zur Zeffirelli-Bohème der Staatsoper, die nächste Saison wohl 60 wird, geradezu eine Hightech-Alternative zur Verfügung hat. Der faltbaren, Origami-ähnliche Konstruktion, die im ersten und letzten Bild die Dächer von Paris symbolisiert und im Momus-Bild an die Fensterscheiben der Pariser Galerien erinnert, kann man ein gewisses Flair nicht absprechen, und auch die Personenregie, die man zu rekonstruieren versuchte, ergibt noch immer Sinn. Wer nach einem gemütlichen Opernabend von anno dazumal sucht, ist damit gut bedient, doch ist zumindest das Thema des Werks leider wieder aktuell: Eine Welt, in der sich einige das Heizen nicht leisten können, aber in der Menschlichkeit und Liebe noch immer ihren Platz finden.

Ensemble, Chor und Statisterie
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Am besprochenen Abend sang Rebecca Nelsen ihre erste Mimì, und dieses Rollendebüt gelang wunderbar. Das ist keine Matronen-Mimì, sondern eine jugendlich klingende Stimme, der man ihre Zurückhaltung im ersten Bild genauso abnimmt wie das Dahinsterben im letzten. Man hätte ihr einen aufregenderen Rodolfo als Giorgio Berrugi gewünscht, der zwar kompetent, aber wenig mehr ist. Über der ansprechend baritonal grundierten Mittellage wird es im Passaggio, also gegen die Höhe zu, recht eng. Die Herren rund um Rodolfo zeigten sich alle spielfreudig und gut bei Stimme, wobei Alexander Fritze als Colline mit der Mantelarie aufhorchen ließ – eine überraschend große Bassstimme für eine kleine Partie.

Omer Meir Wellber hielt ich nach Lockdown-Streams aus Palermo Vorschusslorbeeren parat; speziell das Opernpasticcio Il crepuscolo dei sogni rund um die Figur der Traviata -Violetta war eines der spannendsten Musiktheaterprojekte der letzten Jahre. Leider war diese Bohème nicht annähernd auf diesem Niveau; für das weitgehend Italianità-freie Dirigat setzte es sogar ein, zwei leise Buhs. Wie kann das sein? Wellber dirigiert aktuell seine erste Bohème-Serie, was aber bei der Erfahrung des Dirigenten keine allzu große Herausforderung sein sollte, doch steckt der Teufel bekanntlich im Detail. Schön gelungenen Passagen seitens der Orchester-Solisten standen einige ruppige Akzente gegenüber, und die Sängerführung im ersten Akt war eher laissez faire statt Führung, was beim Ensemble der Herren rund um Rodolfo besser klappte als bei Rodolfo selbst.

Andrei Bondarenko, Szymon Komasa, Daniel Ohlenschläger, Giorgio Berrugi und Alexander Fritze
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Der große Auftritt von Musetta am Balkon ist in dieser Produktion ohnehin nicht ideal gelöst, denn das nimmt ihr den Raum, ihr Temperament zu zeigen. Das wird nicht besser, wenn das Orchester „Quando m’en vo“ mit zu viel Lautstärke erstickt, zumal Alexandra Flood ohnehin nicht die größte Stimme zu haben scheint. Man wird aber hoffentlich noch Gelegenheit bekommen, sie unter einem umsichtigen Dirigat besser kennenzulernen. Temperament und Bühnenpräsenz hat sie jedenfalls, denn der Quietscher, mit dem sie ihren greisen Galan Alcindoro (in der kaum greisen Gestalt von Morten Frank Larsen) zum Schuster schickt, brachte das Tohuwabohu rund um das Café Momus kurz zum Stillstand. Die Anfangstakte zum letzten Bild waren wiederum merkwürdig lustlos heruntergespielt, bevor Wellber dann ein Finale „comme il faut“ dirigierte. Oder doch nicht?

Einer der berührendsten Momente in diesem Werk ist die Szene, in der Mimì bereits tot ist und nur Rodolfo das noch nicht ganz erfasst hat. In diese Ungläubigkeit hat Marcello „Coraggio!“, frei übersetzt „Du musst jetzt tapfer sein!“, zu sagen, denn das ist der Startschuss zum Schluss. Entweder fehlte dieses eine kleine, aber wichtige Wort, oder es ging unter.

Mimì (hier Annett Fritsch) und Rodolfo (Giorgio Berrugio)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Das tat der guten Stimmung im Haus aber keinen Abbruch, denn in Summe hatte man nettes und neu zurechtgemachtes Freitagabend-Repertoire zu sehen bekommen, und das ist in Ordnung. Für Lotte de Beer, die ambitionierte neue Volksopern-Chefin, ist der freundliche Applaus wahrscheinlich zu wenig und vielleicht auch ein Kulturschock, denn in ihrer niederländischen Heimat sind Standing Ovations eher die Regel denn die Ausnahme. Da kann man nur sagen: „Coraggio! – nur Mut, es wird schon!“

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