Vor knapp einer Woche feierte der niederländische Dirigent Bernard Haitink seinen 89. Geburtstag, doch ans Aufhören ist noch lange nicht zu denken. Mit dem Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hat er in der Philharmonie in München an das Deutsche Requiem von Johannes Brahms gewagt und dem ausgewiesenen Kenner des romanischen Repertoires gelang damit eine Interpretation, die mit ihrer dezenten Schönheit ihresgleichen suchte.

Bernard Haitink © Todd Rosenberg
Bernard Haitink
© Todd Rosenberg

Dass Brahms für sein Requiem bewusst nicht den lateinischen Text der (katholischen) Liturgie wählte, hatte weniger damit zu tun, dass er Protestant war. Brahms begegnete der Kirche überhaupt mit einer gewissen Distanz, sodass sein Kollege und Freund Antonín Dvořák einst urteilte: „Er ist ein so großer Mann, eine so große Seele, doch er glaubt an nichts.“ Dennoch hatte er die Bibel intensiv studiert und seine eigene Sicht auf den Weg des Menschen nach seinem Tod entwickelt, die sich abseits der kirchlichen Dogmen bewegte und so nimmt auch das Requiem von Brahms eine besondere Stellung in den unzähligen Requiem-Vertonungen ein. Im Deutschen Requiem sucht man zum Beispiel Jesus, den Erlöser, vergeblich. Für Brahms stehen der Mensch und der Trost für die Hinterbliebenen im Mittelpunkt.

Bereits mit den ersten Momenten des ersten Satzes „Selig sind, die da Leid tragen“ deutete Haitink auf die dramatische Eindringlichkeit, die folgen sollte, hin. Nicht nur das getragene, langsame Tempo auch die feinen dynamischen Schattierungen, die Haitink dem Orchester entlockte, waren atemberaubend. Dabei brachte er nicht die großen Gesten, sondern beschränkte sich auf dezente, aber präzise Angaben. Das Ergebnis war eine zurückhaltende, innige Interpretation, die gleichfalls eine emotionale Tiefe und intensive Ausdruckskraft in sich trug.

Den größten Teil trug dabei der Chor des Bayerischen Rundfunks bei, der mit absoluter Homogenität selbst die polyphonen Fugen mit stringenter Transparenz strahlen ließ. Der Choreinsatz im ersten Satz, der fast acapella erklingt, eröffnete mit einem so dezenten, aber nachdrücklichen Piano, wie es nur wenige Chöre hinbekommen. Aber auch das Heraufbeschwören des jüngsten Gerichts („Hölle, wo ist dein Sieg!“) erreichte beim Chor des Bayerischen Rundfunks eine dramatische Qualität und Ausdruckskraft, die fesselte. Die Klangvielfalt, die der Chor dabei präsentierte reichte von dunkelschwerem Klang bis silbrig-feinen Sopranlinien.

Haitinks großer Verdienst ist es, dass er es schaffte die unterschiedlichen Stimmungen mühelos und übergangslos zu integrieren. Die Spannung, die die Musiker im zweiten Chor „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ aufbauen, entwickelte sich so organisch, wie packend und entlud sich schließlich im Choreinsatz.

Trotz der langsamen Tempi, die Haitink wählte, verloren die Symphoniker an keiner Stelle die Spannung, vielmehr erschien es, als ob die flotten Fugen in langsamerem Tempo noch eindringlicher und durchsichtiger wirkten. Die Symphoniker schöpften dabei aus ihrem reichen Repertoire an Klangfarben, die von choralhaftem Blech bis leichten Holzbläsern reichten.

Ein kleiner Wermutstropfen auf diesem perfekten Abend war, dass es Bariton Hanno Müller-Brachmann trotz samtigen Timbres und tollen Tons ein wenig an Tragkraft fehlte. Eleganter gelang der schwedischen Sopranistin Camilla Tilling ihr kurzer Solopart im fünften Satz „Ihr habt nun Traurigkeit“. Geschmeidig entwickelte Tilling die lyrischen Linien mit klarem Timbre, wenngleich die Textverständlichkeit bei ihr phasenweise Schwierigkeiten bereiteten. Dennoch waren dies nur Kleinigkeiten, die im Gesamtbild des Abends keine Rolle spielten. Viel mehr überwog das Gefühl bei einer ganz besonderen Interpretation dabei gewesen zu sein.

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