Igor Levit war kurzfristig für Arcadi Volodos eingesprungen, der wegen des Sturmtiefs nicht nach Baden-Baden reisen konnte. So konnte das Konzert gerettet werden, aber das Publikum bekam einen Abend, den es so sicherlich nicht erwartet hatte. Levit übernahm nicht die angekündigten Stücke, sondern hatte sein eigenes Programm ins Festspielhaus mitgebracht, ein besonders herausforderndes Programm für das Publikum und wahrlich kein Wohlfühlprogramm.

Igor Levit
© Andrea Kremper

Auf manche der anwesenden Mahlerfreunde mag die Klavierfassung des Adagios aus seiner Zehnten Symphonie regelrecht verstörend gewirkt haben. Diesen Satz hatte Mahler 1910 begonnen und vor seinem Tod als einzigen der geplanten fünf Sätze selbst noch als Partitur konzipiert. Von den übrigen Sätzen existieren nur Skizzen, aus denen Derryk Cooke in den 1960er Jahren eine Orchesterfassung hergestellt hat – ein bis heute umstrittenes Unterfangen. Ausgehend von dieser Bearbeitung fertigte der schottische Komponist Ronald Stevenson eine Klavierfassung an, die das fragmentarische Material gleichsam wieder zurück in den Urzustand versetzt. Levit nahm sich dieser Musik mit großer Sensibilität an, zelebrierte sie in all ihrer Zerbrechlichkeit. Fünfzehn Takte lang spielte nur die linke Hand die rezitativische Melodie der Einleitung, klanglich fahl, sehr leise und im Tonfall von Trauer und Einsamkeit. Erst nach dem ersten Akkord gewann auch der reine Klavierton mehr Farbigkeit und Leben. Levit entwickelte das motivische Material spannungsvoll bis zu der Steigerung in dem unerhörten, dissonanten Akkord, der schockartig in die Coda einschneidet. Dann verebbten im mehrfachen Piano die nur noch vereinzelten Motivfragmente zu einem lakonischen Abgesang. Plötzlich fiel auf diese letzten musikalischen Gedanken Mahlers das Licht der anbrechenden Moderne.

Letzte Werke sind auch die 3 Klavierstücke, D 946, die Franz Schubert ein halbes Jahr vor seinem Tod komponiert, aber nicht veröffentlicht hat. Deren melodische Anmut und zugleich großen Kontrastreichtum spielte Levit eindrucksvoll heraus. Kein Detail ließ er unbeachtet, gestaltete etwa im ersten Stück schöne Übergänge von dem fliehenden Tempo des Allegroteils zum wunderbar kantablen Andante. Im dritten Stück steigerte Levit das Allegro fast zum Presto. Prägnant verband er die tänzelnde Melodie mit den stützenden Akkorde der linken Hand. In die Coda legte er Schwung und Vorwärtsdrang. Nur wenig Schatten, aber viel Licht war in die Gestaltung dieser Musik gelegt.

Der Abend begann mit Choralvorspielen von Johannes Brahms, die der Komponist für Orgel konzipiert hatte. Ebenfalls letzte Werke also. Levit spielte sechs dieser elf Stücke, die Ferruccio Busoni für Klavier bearbeitet hatte. Brahms huldigt mit dieser Musik unverkennbar Johann Sebastian Bach. Seine Choralvorspiele sind aber bewusst schlichter und der Kontrapunkt bleibt durchsichtiger. Levit präsentierte die Stücke mit leichtem Anschlag und transparent in ihrer Struktur. Nur im Vorspiel Herzlich tut mich verlangen steuerte er einen stärkeren, voluminösen Klang an. 

Licht und fließend hatte so der Konzertabend begonnen, er endete geradezu dramatisch. Sergej Prokofjews Siebente Klaviersonate ist bezogen auf seine Biographie zwar kein letztes Werk, die Umstände ihrer Entstehung bedeuteten für den Komponisten dennoch eine existenzielle Ausnahmesituation. Prokofjew schrieb sie 1944 in Tiflis, wohin er sich vor den Kriegsereignissen in den westlichen Teilen der Sowjetunion geflüchtet hatte. Der Beiname „Stalingrad” sagt alles zum Charakter dieser Sonate. Prokofjew hat in diesem Werk seine ohnehin schon herbe Musiksprache noch gesteigert. Hart, brutal und kalt beginnt der erste Satz, den Igor Levit auch kompromisslos im Ausdruck mit scharfen Höhen und stampfenden Bässen spielte. Den aufmerksam gestalteten Übergang führte der Pianist in den versonnenen Mittelteil und in expressivem Accelerando wieder zurück in das tumultuöse Allegro. Im zweiten Satz – Andante caloroso – kamen ruhigere und friedliche Emotionen zur Geltung. Aber den dritten Satz stürzte Levit in ein ungeheures Donnern, das wie Maschinengewehrsalven im durchgängigen Staccato der Achtelketten und den markanten Synkopen im Bass auf die Zuhörer herunterprasselte. Dabei übertrieb Levit nichts an der Ausdruckskraft dieser Musik, spielte höchst kontrolliert und technisch äußerst präzise und brachte sie zu atemberaubender Wirkung. Auch in der Zugabe zeigte Igor Levit seine brillante Technik. Es war ein skurriler, feuriger Hexentanz: eine Humoreske von Rodion Shschedrin.

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