Wenn Sir John Eliot Gardiner in der Philharmonie dirigiert, dann bringt er Musik zu Gehör, die selten auf dem Programm der Berliner Philharmoniker steht: dieses Mal sind es Brahms’ Schicksalslied und Mendelssohn Bartholdys „Lobgesang“. Während die Komponisten selbst jeweils große Stücke auf ihre Werke hielten, stehen sie sonst jedoch im Schatten anderer Arbeiten. Gardiner brachte für die Aufführung seinen Monteverdi-Choir mit, den er 1964 gegründet hat, um mit ihm die Werke genau nach seinen Vorstellungen einstudieren und aufführen zu können.

Sir John Eliot Gardiner
© Frederike van der Straeten

Strikt trennte Brahms die beiden göttlichen Strophen in Hölderlins Gedichtvorlage von denen, die dem menschlichen Schicksal zugewandt sind. Tonschön, hell und licht, ließ der Monteverdi-Choir seine Stimmen darum zunächst „in stiller ewiger Klarheit“ über dem Orchester schweben. Mit Staccato-Tönen schlug der Chor in der Darbietung der vom menschlichen Schicksal handelnden dritten Strophe das Wasser an die Klippen. Die eigentliche Herausforderung dieses Stückes liegt aber in der Gestaltung von Prolog und Nachspiel. Zu Beginn suchten die Philharmoniker, bei denen Suyoen Kim vom Konzerthausorchester als Erste Konzertmeisterin mitwirkte, nach Balance und wussten dies durchaus in den Dienst der Musik zu stellen, denn diese dunklen Töne sind keine Einstimmung auf das klingende Elysium. Das Orchester spielte langsam und sehnsuchtsvoll, und brachte am Ende eine im Ungewissen verbliebene Musik zum Klingen, deren Wendung nach C-Dur nicht zur Apotheose verbogen, sondern als Verklärung in Spiegelschrift musiziert wurde.

Sir John Eliot Gardiner dirigiert die Berliner Philharmoniker und den Monteverdi Choir
© Frederike van der Straeten

Bei Mendelssohn Bartholdys Zweiter Symphonie „Lobgesang“ war nun alle Skepsis einem Jubel gewichen, der nicht Ziel einer Entwicklung, sondern Inhalt des ganzen Werkes ist. Die drei Instrumentalsätze nahm Gardiner zügig im Tempo, sogar das Adagio religioso. Die Streicher drosselten ihr Vibrato durchweg auf ein Minimum zurück und musizierten dadurch drahtig und dies sehr konzentriert und puristisch. Die Bläser spielten gleichfalls wie durchgelüftet und nie schwer-gepanzert, sondern klar und immer streng im Metrum. Sehr markig, aber nicht auftrumpfend intonierten die drei Posaunen die Eingangs-Fanfare, die dann als roter Faden durch das ganze Werk geführt wurde.

Der das Chorfinale dieser Symphonie-Cantate eröffnende Satz, in dem dieses Motto mit „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“ textiert ist, wurde frisch und kontrastscharf im Stil Händels vorgetragen – immer unter sorgfältiger Berücksichtigung der Textverständlichkeit. Im Sopranduett harmonierten Lucy Crowe und Ann Hallenberg auf das Innigste miteinander.

Ann Hallenberg, Werner Güra und Lucy Crowe
© Frederike van der Straeten

Bei allem Licht und allem Jubel gab es auch Stellen, in denen die Aufführung innehielt und diese Passagen gerieten in dem Kontrast zu der grundsätzlich vorherrschenden Freude besonders gut. So etwa, wenn am Ende des langsamen Satzes Kilian Herold auf seiner Klarinette dem Adagio-Thema nachsann oder der Chor sein „der in seine Hoffnung setzt auf ihn!“ in ein Pianissimo verschattete, um so auf die Wächterszene hinzudeuten, in der, durchaus opernhaft, der Knoten des Werkes geschürzt wird: Zum Zerreißen gespannt fragte der Tenor Werner Güra „Hüter, ist die Nacht bald hin?“, bis endlich Crowe mit ihrem engelsgleichen Timbre ihres leuchtenden Soprans wie als ein Deus ex machina hervortrat und den Durchbruch einleitete. Ihr „Die Nacht ist vergangen!“ gab das Thema der Battaglia-Fuge vor, die, mit den „Waffen des Lichts“ ausgestattet, zu Recht martialisch musiziert wurde.

Danach wandelte sich der Monteverdi-Choir in einen Gemeindegesang und trug die lutherische Hymne „Nun danket alle Gott“ schlicht, aber wie gestochen scharf vor. Die beiden Chorfugen, mit der die Symphonie schließt, wurden in aller Pracht entfaltet.

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