Alle warten – auf die Musik und natürlich auf Teodor Currentzis. Viele sind ausnahmsweise mal nicht des Gebäudes wegen in der Elbphilharmonie, sondern um einen Dirigenten mit seinem aus Perm mitgebrachten Chor musicAeterna und das Mahler Chamber Orchestra zu hören.

Teodor Currentzis © Daniel Dittus
Teodor Currentzis
© Daniel Dittus

Zwölf Musiker kamen auf die Bühne, stimmten kurz, dann kam Currentzis und es wurde dunkel. Plötzlich hörte man von oben Bachs Jesu, meine Freude erklingen. Nach dem ersten Teil der Motette ging es direkt in die herrlich irritierende Musik von Morton Feldmann über, der den Tod seiner Klavierlehrerin in Madam Press died last week at ninety verklanglicht hat. Das kurze Stück, durchzogen von 90 Kuckucksrufen, erklang sehr fein musiziert und passte mit Bach inhaltlich perfekt als Einstimmung auf ein Requiem.

Aber vorher gab es noch die wunderbare Wiebke Lehmkuhl mit der Alt-Rhapsodie von Brahms zu hören, die Clara Schumann als „die Aussprache seines eigenen Seelenschmerzes“ bezeichnete. Der vor dem stehenden Orchester tanzende Currentzis dirigierte einen sehr breiten Brahms, der Dank einer sehr gut geformten Balance zwischen Stimmen und Orchester trotzdem durchsichtig und durch starkes Abphrasieren spannungsvoll war. Wiebke Lehmkuhls volle, warme und offene Stimme setzte sich auch in ihren Tiefen auf das Orchester und den zurückhaltenden Männerchor. Ihre Altstimme klang unaufdringlich aber raumerfüllend.

Das eigentliche Hauptwerk des Abends: Ein deutsches Requiem nach Worten der heiligen Schrift von Brahms folgte nach der Pause. Das Besondere an diesem Requiem liegt bereits im Namen offen. Es hat einen deutschen Text. Brahms hat auf die lateinischen Texte verzichtet und eine persönliche Auswahl biblischer Stellen im bekannten Lutherdeutsch vertont. Damit rückt er die Menschen, „die da Leid tragen“, den von Gott zu belehrenden Sterblichen und den göttlichen Trost, also Chor und Solisten in den Vordergrund.

Mahler Chamber Orchestra, musicAeterna Chor und Teodor Currentzis © Daniel Dittus
Mahler Chamber Orchestra, musicAeterna Chor und Teodor Currentzis
© Daniel Dittus

Leider wurde das an diesem Abend nicht deutlich. Da Currentzis den Raum bei der Rhapsodie akustisch beherrscht hatte, schien die Balance gewollt, die den Chor hinter das Orchester drängte. Der Großteil der Dynamik fand im Großen und vor allem im Orchester statt, Instrumentalsoli, die freilich großartig sind, wurden präsenter gestaltet als der Sologesang. Sowohl Chor als auch Orchester spielten hervorragend, aber die Überpräzisierung von Konsonanten und Rhythmus des meist zu leise gehaltenen Chors ließ die Leidenschaft vermissen.

Selbst Stellen wie „Ach, wie gar nichts sind alle Menschen“ hatten kaum Betonungen. Das meiste klang analytisch-symphonisch gedacht. Passend ist diese Herangehensweise bei der Fuge „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand“, die zum Erstaunen präzise war. Doch es blieb dabei: vieles wirkte sehr künstlich hergestellt und nicht organisch musiziert.

Die Gestaltung beschränkte sich an den meisten Stellen auf extremes Legato gegen schnelles überdeutliches Staccato als Kontrast. Was der eine Teil zu viel hatte, hatte der andere zu wenig.

Ein schönes Highlight war die Stimmfarbe der Sopranistin Nadezhda Pavlova, die recht geschickt Vibrato und Helligkeit dosierte, engelsgleiche Klänge produzierte, aber leider leicht anschliff und nicht ganz sicher war an diesem Abend. Der kurzfristig eingesprungene Bariton Tobias Berndt klang eher gedeckelt und sachlich.

Doch gen Ende durfte der Chor sich noch mal zeigen und damit funktionierte das Werk im „Herr, du bist würdig“ plötzlich wieder. Lobpreis wird gesungen und auch der Schluss gelang versöhnlich berührend. „Selig sind die Toten“ sangen sie und der letzte Ton verklang. Currentzis hielt eine lange Stille, bezwang die Klatschversuche und sorgte unerbittlich für Ruhe. Auch das ist etwas, das gegen den versöhnlich tröstenden Charakter des Werkes steht. Härte am Ende, die auf Zeichen des Dirigenten aber von saalüberschallendem Jubel abgelöst wird.

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