15 Jahre lang war der Australier Brett Dean Bratschist bei den Berliner Philharmonikern. Seit 2000 ist er zurück im Lande Down Under und als freier Instrumentalist und Komponist international tätig. In dieser Saison hält er den Posten des Creative Chair beim Tonhalle-Orchester und hat jetzt zwei interessante Werke als Schweizer Erstaufführungen in der Tonhalle Maag präsentiert. Nach der Pause wagte er mit Beethovens „Eroica“ Ungewohntes und das Ergebnis war erfreulich, gar begeisternd.

Brett Dean © Pawel Kopczynski
Brett Dean
© Pawel Kopczynski

Testament für zwölf Violen ist 2002 entstanden, für seine ehemaligen Kollegen in Berlin. Der Titel bezieht sich auf Beethovens Heiligenstädter Testament – nicht so sehr auf konkrete Textpassagen, sondern allgemeiner auf den Kampf des Komponisten mit den Folgen des zunehmenden Gehörverlustes. Die zwölf Bratschisten musizierten im ¾-Kreis um den dirigierenden Brett Dean. Die zwölf Notenständer dienten dabei nicht nur als Auflage für die Noten, sondern zugleich als Ablage für den zweiten Bogen. Jeder Musiker nutzte einen Bogen ohne Kolophonium, sowie gelegentlich – im Verlauf des Werks zunehmend – einen normalen Bogen. Ersterer stellte beinahe schmerzhaft dar, wie sich Musik und Geräusche im Ohr des ertaubenden Komponisten zu einer gedämpften Kakophonie vermengt haben mögen. Kratzende, teils tonlose Geräusche scheinbar chaotisch, dennoch auf einem ruhigen Metrum basierend, welches sich auch erspüren ließ, wenn man Deans klares Dirigat nicht verfolgte. In ihrer Geräuschhaftigkeit ist die Musik nicht konventionell tonal, kreist aber dennoch zumeist um ein erkennbares tonales Zentrum. Das Chaos schwillt in Wellen an, man kann Beethovens Zorn und Hadern erahnen. Melodiefragmente tauchen auf, vereinigen sich schließlich zu Zitaten (Vorahnungen) aus dem ersten Rasumovsky-Quartett. An der Schmerzhaftigkeit dieses Prozesses, der Aussicht auf einen immerwährenden Kampf lässt Dean keinen Zweifel, dennoch obsiegt letztlich der trotzige Optimist. Das Werk ist keinesfalls plakativ, einfach oder gar trivial, sondern allemal interessant. Es ist gekonnt, in seiner Art packend und einzigartig.

Mit der Auftragskomposition From Melodious Lay (A Hamlet Diffraction) des Tonhalle-Orchesters von 2016 stellte Dean eine Art Teaser zu seiner Oper Hamlet vor. Es ist keine Kurzfassung der Oper, zeigt keine Handlung, sondern lediglich die Präsentation oder Brechungen mentaler Stationen aus dem Verlauf des Dramas. Das Werk erfordert eine orchestrale Großformation. Es ist zumeist atonal, manchmal geräuschhaft, stark rhythmisch geprägt, wird bis auf ein eruptives, orchestrales Interludium von zwei Singstimmen getragen. Vollends überzeugend war dabei die Sopranistin Mojca Erdmann als Ophelia mit ihrer dramatischen, tragenden Stimme von der kräftigen Mittellage bis ins höchste Register, die sich problemlos vom vollen Orchesterklang abhebt. Der Tenor Topi Lehtipuu als Hamlet wird von Dean nicht so bevorzugt behandelt: allein von der Lage her ist seine Stimme im Orchesterklang oft kaum auszumachen. Das ist teils gewollt – beispielsweise ganz zu Beginn, wo sich die Tenorstimme unmerklich einschleicht, nur allmählich an Volumen gewinnt. Später jedoch deckte ihn das Orchester in dramatischen, emotionalen Szenen gelegentlich zu. Es bedürfte schon eines Heldentenors oder der Akustik eines Opernhauses, um ihn durchgängig hörbar zu machen. Was ihm allerdings an auditiver Präsenz verwehrt blieb, machte der Sänger bereits vor seinem ersten Einsatz durch beeindruckende Bühnenpräsenz in Mimik und angedeuteter Körpersprache wieder wett, später eindrücklich im Zynismus wie in der Tragik und Verzweiflung. Klanglich konnte Lehtipuu durchaus bestehen. Er hatte ein angenehmes, klares Timbre, sehr wandlungsfähig, von intensiven, gar dramatischen mittleren und hohen Lagen bis hin zum Sprechgesang und Rezitieren. Vom Klangeindruck her spielte Ophelia die Hauptrolle, während Hamlet eher als Katalysator für Ophelias Drama erscheint. Beeindruckende, spannende Musik, deren Tragik sich auch ohne Textkenntnis unmittelbar erschließt, die auch die Lust weckt, das ganze Drama zu erleben!

War das kalte Wetter oder die zeitgenössische Musik die Ursache für den spärlich gefüllten Saal – Deans Werke waren einen Besuch definitiv Wert. Mehr noch haben die Abwesenden nach der Pause verpasst, denn bei Beethovens Dritter Symphonie leitete Dean das Orchester vom ersten Bratschenpult aus, unter aktiver Mithilfe der Stimmführer. Das Besondere dieser Aufführung bestand nicht nur in den frischen Tempi, der klar historisierenden Artikulation oder der lebendigen Dynamik. Abgesehen von Pauken und den tiefen Streichern spielte das ganze Orchester stehend. Es war ein ungewohnter Anblick bei diesem Klangkörper und ein Wagnis zugleich, zumal Dean nur gelegentlich mit einer Hand den Takt vorgab. Es heißt, im Stehen musiziert sich's freier, was in der ganzen Symphonie manifest wurde. Hinreißend war die Spielfreude, das Engagement bis zum letzten Pult und die ersten beiden Sätze waren ein Konzerterlebnis allererster Güte. Hier zeigte sich das Orchester als hervorragender, selbständiger Klangkörper, es zeigte lebendiges Musizieren, nicht kalte Perfektion. Das Wagnis äußerte sich vor allem beim Scherzo und Schlusssatz in gelegentlich verwackelten Stellen, was ohne Dirigent und bei der begrenzten Übersicht im doch ansehnlichen Orchesterapparat nicht anders zu erwarten war. Dies vermochte jedoch den hinreißenden Gesamteindruck nicht zu trüben und man kann sich nur mehr Konzerte dieser Art wünschen!