29. März 2019, 23 Uhr britischer Zeit. Da sollte der Brexit vollzogen sein und die Künstler, die den speziellen Konzertabend im BOZAR gestalteten, womöglich erste persönliche Konsequenzen zu spüren bekommen. Doch im ganzen Chaos der letzten Monate mit seinen ungewissen Auswirkungen wurde der EU-Austritt nun vorerst vertagt. Aufgehoben ist nicht aufgeschoben. Aus europäischer Sicht leider! Noch dazu mit dem gestiegenen Risiko des ungeordneten Austritts. Im Gegensatz zum Streit zwischen Fürst Nikolaus und seinen Musikern in Esterhazy, die im außergewöhnlich langen Sommer 1772 nicht länger von ihren Familien in Wien getrennt sein wollten, wenn man dem hartnäckigsten Bericht glauben schenken darf, der sich um eine Erklärung für die Entstehung der Abschieds-Symphonie bemüht. Schließlich riefen die Unmutszustände Kapellmeister Joseph Haydn auf den Plan, den Dienstherrn musikalisch eindrucksvoll ins Gewissen zu reden, der Vernunft nachzugeben. Ansonsten gäbe es eben keine ordentliche Musik. Sie ist klassisch das klassischste Stück der Wahl bei bedeutenden Farewells, so auch beim Aurora Orchestra, das extra in Brüssel zum Abschluss des Klarafestivals symbolhaft ihr Brexit concert arrangierte.

Nicolas Altstaedt © Alexandra Bertels
Nicolas Altstaedt
© Alexandra Bertels

Nicht nur die langwierigen, heftigen Diskussionen, die in letzter Zeit von Hauptstadt zu Hauptstadt für genervte Gesichter sorgten, werden in Haydns Symphonie hörbar, sondern auch die Leiden und die mal ernsten, mal humoristischen Bissigkeiten, die so eine Situation bestimmen. Sie brachte ein impulsiver Nicolas Altstaedt samt Balletteinlagen auf dem Podest auf den Punkt, indem er das Orchester in einem äußerst drängend-schnellen ersten Satz mit deutlichsten Akzenten bei den Violinen unter tönendem Bass (zu Lasten der Bläser) auffahren ließ, mit dynamischen Ein- und Ausbrüchen, tänzerisch karikierend im zweiten Satz voller historisch-artikulierender vibratoloser Monotonie. Diese auf's Korn nehmende Beschreibung Haydns kam auch mit dem widerwilligen Scherzo, zu dem niemandem zumute ist, zum Ausdruck, dem das Ensemble ein rasendes Presto folgen ließ, als wollte es noch husch auf das EU-Festland flüchten, ehe man im Adagio nach und nach von dannen zog. Nur Konzertmeister Thomas Gould und ViolineII-Stimmführer Jamie Campbell brachten die Symphonie mit ihrem leisen Rest-Duett wehmütig zu Ende, aus dem heraus sie das Beatles-Lied In my life in der Einrichtung von Ian Farrington anstimmten, zu dem alle Musiker auf die Bühne zurückkehrten und Tenor Ian Bostridge die Wehmut, aber auch die im Herzen bleibende Schönheit mit einem Funken Hoffnung liebevoll steigerten.

Ian Bostridge und Nicolas Altstaedt © Alexandra Bertels
Ian Bostridge und Nicolas Altstaedt
© Alexandra Bertels

Eindrücklich und natürlich abgestimmt gestalteten sich außerdem die zwischen den Stücken platzierten Autoren-Lesungen im Rahmen des integrierten Passa Porta-Literaturfestivals. Einleitend zu Haydns Witz und Spott staccatierte Ali Smith, „von Kopf bis Fuß europäisch“, in lebendiger, schlagfertiger Art aus ihrem Roman Autumn. Darin zählte sie die zahlreichen Dubiositäten und politischen sowie gesellschaftlichen Verfehlungen der Leave-Seite kaskadisch anklagend auf. Mit seiner eigenen hintergründigen Mischung aus pointiertem Vorwurf und komödiantischem Unterton sollte sich Schriftsteller Jonathan Coe an das Publikum wenden, der die in Middle England (auch familiär-)zerrissene, traurige Sicht auf die britische Motivation zu ergründen versucht und die Ideale der Austrittsbefürworter dabei als geschichtsvergessen und inkonsequent kritisiert. Extra für das Konzert entwarf Sulaiman Addonia die Kurzgeschichte A wild call, in der Ms. F und Mr. M – den Brexit andeutend reflektierend – einem britischen Mann zuschauen, der allein am Meer steht. Ihm kommt eine verdrehte Rolle zu als Flüchtling, der lebensbedrohlich eine illusorische Insel über das Wasser erreichen möchte; eine, die als das „Black Pig von Captain Pugwash“ nach der TV-Fantasy-Comic-Serie beschrieben wird und den Mann dazu verleitet, weiter unbeirrt hüfthoch ins Verderben zu schreiten.

Passend zur literarischen Exegese erklang Brittens Les Illuminations, die der Komponist heute vor exakt achtzig Jahren noch in Großbritannien begann, bevor er wegen dortig für ihn schwer erträglicher Zustände ins Exil in die USA ging. Dass dies nur ein Jahr dauerte, ist offensichtlich auch erhoffter Zusammenhang zum Brexit. Bostridge, der Britten-Tenor schlechthin, verlieh den Texten Arthur Rimbauds abermals seine auszeichnende, direkte, erschreckende, einbläuende Betonung und Artikulation, die allerdings ab und zu von Altstaedts geforderter Streicherexzentrik des schon stehenden Orchesters überdeckt wurde. In Theatralik, lyrisch-dramatischem Geschick, technischem Pfiff, charmanter Nonchalance, gewetzter Erregtheit, lässiger Beweglichkeit, fast abgründigem Chansonnier-Sprech und Sensibilität bildeten Solist und Aurora Orchestra dennoch eine unvergleichlich einnehmende wie unterhaltsame Partnerschaft.

Nicolas Altstaedt und Ian Bostridge © Alexandra Bertels
Nicolas Altstaedt und Ian Bostridge
© Alexandra Bertels

So wie Britten mit dunklen Klängen der Bassgruppe endet, begann vorher die unwirkliche Kontrabass-Untermalung zu Taveners The Protecting Veil, bei dem das Solocello lange auf drei Tönen der A-Saite verharrt, bis Tutti-Celli, Bratschen und Violinen in klanglicher und dynamischer Füllung anschwellen zur stets verletzlichen wie meditativen Sphärengrundierung des Stücks. Unter dem Eindruck des Anlasses und dem Festivalmotto Libera me! wirkten die überwiegenden, Schmerzensausbrüche der Mutter Gottes mit extremen Schreien der hohen Streicher, der blutend-wunden Harmonik, den Tonrauschern mittels wilden Glissandi und Steg-Griffbrett-Effekten, Flageoletts und wütendem Bogen, konstrasiert von kurzer tänzelnd-melodiehafter Erlösung und besinnlich-choralhafter Überwindung der Trauer, abermals wie das treffende Abbild des Brexit-Durcheinanders und die umgreifende Verunsicherung. Altstaedt, mit geschlossenen Augen und zwischen kurzzeitig bewusst derbem Kratzen und ansonsten auf G- und C-Saite wimmernder, stammelnder Versenkung agierender Expressionist, provozierte die Stimmungen zur gebannten Verfolgung mit all seiner Klarheit, sodass selbst der letzte Ausklang auf dem höchsten Ton des Cellos dem Höchstmaß an musikalischem Nachdruck entsprach.

****1