Was haben Benjamin Britten, Max Bruch und Pjotr Iljitsch Tschaikowsky gemeinsam? Nun, zwei davon verbindet immerhin die Epoche der Romantik, aber ansonsten gibt es der Papierform nach nicht viele Gemeinsamkeiten; vor allem Britten tanzt in dieser Aufstellung aus der Reihe. Dennoch wurden drei Werke dieser Komponisten nun beim zweiten Konzert des Gastspiels des London Symphony Orchestra im Rahmen des Riga Jurmala Festival zusammengespannt. Der dramaturgische Bogen der Programmauswahl blieb dabei zwar unklar, die Umsetzung konnte vor allem in der ersten Hälfte aber dennoch überzeugen.

Gianandrea Noseda © Evija Trifanova
Gianandrea Noseda
© Evija Trifanova

Das absolute Highlight bildete dabei nämlich gleich der Auftakt des Konzertabends: Bei Benjamin Brittens Four Sea Interludes und der Passacaglia aus seiner Oper Peter Grimes war das LSO ganz in seinem Element. Man könnte meinen, diese Musik ist der natürliche Lebensraum des Klangkörpers, so mühelos und selbstverständlich interpretieren die Musiker sie. Alle Farben des Meeres begannen durch das Orchester im Konzertsaal zu schimmern und all die mannigfaltigen maritimen Facetten malten die Musiker mit breitem Pinsel in die baltische Samstagabend-Luft. Sanfte Wellen und sich kräuselnde Gischt goss das Orchester ebenso in Klang wie das kraftvolle Rauschen und die Zerstörungswut eines Unwetters (beinahe schon brutal erklangen hier etwa Schlagwerk und Blechbläser) auf See. Selbst über den friedlichen Passagen voll Streicherharmonie schwebte stets die Vorahnung der latenten Bedrohlichkeit, die von den Tiefen des Meeres ausgehen kann. Trotz des passagenweise hohen musikalischen Wellengangs manövrierte Gianandrea Noseda das Orchester vom Pult aus sicher um alle Klippen und hielt die Musiker zu differenzierter Dynamik sowie transparentem Klang an. In der Passacaglia ließ Noseda das Orchester dann subtil wie einen Vulkan, der jederzeit eruptieren könnte, brodeln und schuf so eine ganz spezielle Stimmung.

Vadim Repin © Evija Trifanova
Vadim Repin
© Evija Trifanova

Wunderschön geriet auch Max Bruchs Erstes Violinkonzert, das vom Komponisten selbst zwar nicht sonderlich geliebt, aber schnell zu einem klaren Favoriten von Publikum und Solisten wurde. Gespielt wurde es an diesem Abend von Vadim Repin auf seiner unverschämt schön klingenden Stradivari. Es ist nicht verwunderlich, dass der Geiger sein Instrument immer wieder so anlächelte als ob er sich gerade frisch in den Klang verliebt hätte. Ebenso zart, wie er seine Geige mit Fingern und Bogen liebkoste, behandelte er die Noten – gefühlvoll und ausdrucksstark umschmeichelte er im Adagio und bildete eine Symbiose mit dem Orchester. Dieses bot dem Solisten wiederum einen perfekten Rahmen, setzte ihn ins rechte Licht ohne selbst allzu weit in den Hintergrund zu treten. Im Finale schwangen sie gemeinsam mit Repin das imaginäre Tanzbein in einem furiosen Ball-Rausch und entließen das Publikum beschwingt in die Pause.

Während man eben diese in den meisten Konzertsälen hauptsächlich damit verbringt, in (mehr oder weniger) schönen Foyers herumzustehen, erreicht man als Besucher des Dzintaru Koncertzāle nach wenigen Schritten den Strand und kann einen beinahe kitschig schönen Sonnenuntergang beobachten, während die Musik noch herrlich im Kopf nachklingt. Nicht ganz so perfekt wie die im Golf von Riga versinkende Spätsommersonne präsentierte sich jedoch leider die zweite Konzerthälfte. Tschaikowskys Fünfte Symphonie war nämlich von seltsamer Hektik geprägt; es schien, als wolle Noseda einen Geschwindigkeitsrekord aufstellen, so flott peitschte er die Musiker durch das Werk. Nun ist Interpretation natürlich immer Geschmacksache, aber durch die raschen Tempi konnten sich die ausladenden Weiten der Musik und die ihr innewohnende Elegie nie wirklich frei entfalten, obwohl sich etwa das Hornsolo redlich mühte, eine erhabene Stimmung der Melancholie heraufzubeschwören. Großteils wirkte aber auch der Klang des gesamten Orchesters bei dieser Symphonie fahrig und rau, die klare Klangsprache ohne Zuckerguss, die beim Werk des in der Moderne anzusiedelnden Britten zuvor ganz ausgezeichnet funktioniert hatte, wirkte für den Romantiker Tschaikowsky zu hart; ich vermisste besonders die typisch slawischen, leicht verschatteten Klangfarben. In diesem Zusammenhang war interessant zu vergleichen, wie viel organischer die deutlich avantgardistischeren russischen Werke, die am Tag zuvor am Programm standen, dem LSO von der Hand gegangen waren als nun der lieblich romantische Stil. Die Musiker setzten Tschaikowskys Werk zwar technisch tadellos um, aber in letzter Konsequenz fehlte der spezielle Funke; ohne jegliches Rubato geriet zum Beispiel der dritte Satz praktisch seelenlos. Ausgerechnet in der Zugabe, der Polonaise aus Eugen Onegin, wurde dieses Problem dann noch deutlicher: Zu akkurat spielten die Musiker dieses Gustostückerl des Repertoires, die charakteristischen Verzögerungen und die richtige Dosis an Schludrigkeit, die der Polonaise erst ihren Charme verleihen, fehlten. Und so war es schließlich ein Konzertabend der Gegensätze – die erste Hälfte ein Hochgenuss, die zweite hingegen letztlich unbefriedigend.

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