Versuche, Kompositionen des Barock oder der Klassik mit denen des 20. Jahrhunderts zu verbinden, gibt es zahlreiche, doch selten gelingen sie derart eindrucksvoll wie beim Kölner Fest für Alte Musik. Unter dem Titel „Beyond Baroque - Grenzenlos Barock“ präsentierte das belgische Ensemble B'Rock in der Flora Köln mit Werken von Jean-Féry Rebel und Arvo Pärt, wie auf kongruente, faszinierende Weise die völlig unterschiedlichen Musikstile der klassischen Tonalität und modernen Atonalität in einem Konzert verknüpft werden können.

B'Rock © Jens Mollenvanger
B'Rock
© Jens Mollenvanger

Dabei reichte das Wissen um das aus religiösen Kompositionen bestehende Œuvre Pärts per se nicht aus, um ihn als „Wohlfühl-Modernen" in jedes Programm mit dem Anspruch von esprithafter Einmaligkeit unterzubringen. Auch sein Stilwandel von der seriellen Zwölftontechnik hin zu Gregorianik und Renaissance ist nicht zwingend Grund dazu, ein mutiges Konzept hinter der Einbindung seiner Werke in klassisches Repertoire zu sehen. Vielmehr ist die Verzahnung der ausgewählten Stücke unter dem thematischen Aspekt des Konzerts, Leben und Tod, eingefügt in das diesjährige Festivalmotto „Passions!" Grund für diese geniale Programmatik, da sie so viele Gemeinsamkeiten wunderbar sichtbar zu machen vermochte.

In seinem bekanntesten Werk Les Élémens zeigt Jean-Féry Rebel mit der Darstellung der Elemente die Voraussetzung und Entstehung für das irdische Leben auf. Gegliedert in 12 Sätze mit typischen französischen Tänzen beginnt es mit dem berüchtigten achtstimmigen dissonanten Akkord im Fortissimo, gefolgt von Tremoli und im Ganzen geprägt von überaus rasanten Kaskaden, Punktierungen und Staccato-Akkorden. Diese tonmalerische Symbolisierung des Chaos und der Elemente könnte aussagekräftiger und treffender kaum sein, und die zauberhaften Flöten, die enthusiastischen Oboen und kernigen Streicher von B'Rock setzten sie präzise, wuchtig und energisch in Musik um.

Bei Pärts Collage über B-A-C-H verrät nicht nur der Titel einen Zusammenhang sowie eine musikalische Auseinandersetzung mit der Barockzeit. Auch durch das detailliertere äußerliche Erscheinungsbild wie Satzbezeichnungen, vor allem aber dank der Verwendung des Cembalos in Kombination mit dem modernen Klavier als zwingende Reminiszenz an die Leitfigur des Wohltemperierten Claviers wird der Verweis auf das barocke Vorbild offensichtlich.

Musikalisch besteht Pärts Werk ebenfalls nahezu ausschließlich aus harten Akkordfolgen im Dauerfortissimo. Während sie in der Toccata in schneller, atonaler Schlagfolge intoniert werden, fühlt man sich in der Sarabande durch Zitate seiner Kuhnau-Bearbeitung Der Gerechte kommt um eindeutig in Bachs Zeit zurückversetzt. Im Ricercar schließlich gehen dissonante Akkordfugen über die namensgebenden Töne durch die Streichergruppen, an deren Ende der tonal aufgelöste Schlussakkord steht. Dieser erschien quasi als Erlösung und damit passenderweise als große Klammer des Programms von Leben und Tod. Diese Collage, die Elemente zweier sehr verschiedener Kompositionsstile verbindet, erklang in der Interpretation des Ensembles routiniert und schlüssig.

Obwohl die Verwendung von historischen Instrumenten und historischer Stimmung in Pärts Werken nicht der gängigen Aufführungspraxis entspricht (die Instrumentierung verlangt vielmehr nach präpariertem und verstärktem Klavier), so wurde doch Tabula Rasa, eines seiner ersten Werke im Tintinnabuli-Stil, zum Höhepunkt des Abends. Es versinnbildlicht im ersten Satz mit markanten, rasenden Läufen der Soloviolinen und Streicherbegleitung das Leben als Spiel (Ludus), im zweiten Satz gibt es durch einfache, quälend lange Noten der Streicher, einem Flageolett-Festival der Solisten und dem sukzessiven Ausscheiden der Instrumente (ähnlich Haydns Abschiedssinfonie) die Stille im Tod (Silentium) wieder. Obwohl man merkte, dass sich die Instrumentalisten im barocken Repertoire wohler fühlten, gelang auch wie schon im vorausgegangenen Stück der vor allem hier zu Tage tretende, anspruchsvolle Wechsel zum modernen Werk nahezu reibungslos, und nach Verklingen des letzten Tons herrschte faszinierende Ruhe im gesamten Saal.

Mit Rebels Tombeau de Mr de Lully kehrte das Ensemble schließlich in gewohnter Frische zum angestammten Barock-Repertoire zurück. Das Werk ist in seiner selten gespielten Form als weltliches Instrumental-Pendant zum Requiem als Sterbemusik auf Jean-Baptiste Lully, dem Lehrer Jean-Féry Rebels, personalisiert. Wie in einer Sonate wechseln sich hier meditative Momente mit Soli von Violine und Cello und schnellere Motive gemäß einer ausgeglichenen Beschreibung des Lebens ab und rundeten das Programm, das perfekt zum Festivalmotto passte, ab.

Getreu diesem Motto spielte das Ensemble unter der Leitung von Rodolfo Richter mit Jivka Kaltcheva (Solovioline) überaus leidenschaftlich und klar akzentuiert. Dabei wollten allerdings kleinere Intonationsschwächen oder zögerliche Einsätze nicht durchgehend in dieses perfekt abgestimmte Bild passen. Zudem fiel, obgleich die Aufstellung unterschiedlich und durchdacht war, manchmal die Balance der lobenswerten Leidenschaft zum Opfer, wenn die Bläser den Streichern im Tutti einfach unterlegen waren. Dies konnte den Gesamteindruck des Konzertes jedoch nicht trüben, und den Musikern gelang eine spannende, eindrucksvolle Gegenüberstellung, die mir lange in Erinnerung bleiben wird.