Bernard Haitink, der vor zwei Monaten 90 Jahre alt geworden ist, und die Berliner Philharmoniker musizieren seit 50 Jahren miteinander. Bei seiner momentanen Europatournee machte der niederländische Dirigent auch in Berlin Halt, wo er neben Bruckners Siebenten Symphonie auch Mozarts Klavierkonzert Nr. 27 in B-Dur zur Aufführung brachte. Solist war der Brite Paul Lewis, ein Schüler Alfred Brendels, der bei den Philharmonikern sein Debüt gab.

Bernard Haitink © Todd Rosenberg
Bernard Haitink
© Todd Rosenberg

Von sanftem Abschied erzählt Mozarts letztes Klavierkonzert. Es ist der Inbegriff des Heiteren, zumindest für diejenigen, die um die Nähe der Heiterkeit zur stoischen Ataraxie wissen, der Unberührtheit des Gemüts von äußeren Einflüssen und Schicksalsschlägen. Heiter war der Mensch in der Antike, dem die Götter günstig gesonnen waren oder der sich von der Furcht vor den Göttern befreit hatte. Und in diesem Sinne trafen einander der schaffende und die das von ihm Geschaffene wiedergebenden Künstler – Haitink spricht nicht von Interpretation – einander kongenial. Die Musiker ließen Episode auf Episode einander folgen wie Girlande auf Girlande, hier klarer, dort verhaltener musiziert, hier düsterer, dort lichter. Ein Drama zwischen Solist und Orchester spielte sich zu Recht nicht ab.

Von den Streichern wurde Lewis zumeist mit einem durchsichtigen Klang, von den Holzbläsern mitunter auch beherzt begleitet. Der Pianist verfügt über den richtigen Anschlag für diese Musik, der es ihm erlaubt, aus einem Einzelton ein Ereignis zu zaubern. Er spielte so gepflegt wie kontrolliert, erlaubte sich, hier einen Akzent behutsam zu setzen, sich dort eine agogische Freiheit zu gestatten. Insgesamt war Lewis manchmal etwas zu respektvoll vor dem Anspruch dieser „geistigen“ Heiterkeit. Das schien sein Spiel mitunter etwas zu bremsen, weil er alles richtig machen, nie sentimental oder manieriert spielen wollte. Ganz frei zeigte er seine Kunst wohl erst in der Zugabe: Franz Schuberts c-Moll-Allegretto (D 915). Ganz allein im Saal spielend, leuchtete sein Spiel in weit mehr Facetten!

Nach der Pause erklang Bruckners Siebente Symphonie. Haitink gehört zu den großen Bruckner-Dirigenten, so liest man es häufig, weil er die Kunst verstünde, die großen Räume zu schaffen, in denen sich diese monumentale Musik dann entfaltet. Dass er große Räume gestalten kann, und das an diesem Abend aufopferungsvoll „für ihn“ spielende Orchester seine Gesten der Gestaltung auch umsetzte, will ich an einem Beispiel erläutern. Im Zentrum des Kopfsatzes kehrt das anfangs im Mezzoforte intonierte Hauptthema in E-Dur nun im Fortissimo in c-Moll wieder. Das ist nun wahrlich eine „falsche“ Reprise. Von hier aus arbeitet sich die Harmonik über die chromatische Tonleiter in die Reprise in E-Dur, an deren Beginn das Thema mit seiner Umkehrung kontrapunktiert ist. All dies sorgfältig zum Erklingen zu bringen, ließen sich der Dirigent und die Musiker reichlich Zeit. Im langsamen Satz gelang dann der große, mit einem Beckenschlag noch markierte Durchbruch nach C-Dur. Dass hier auch der c-Moll-Höhepunkt des ersten Satzes ins Dur gewendet ist, wurde deutlich vernehmbar und nur darum lässt sich auch sinnvoll davon sprechen, dass es Haitink versteht, die großen Räume zu überschauen und Querverbindungen auch satzübergreifend zu gestalten. Wer nicht so formorientiert zuhörte, der wurde gleichfalls mit edlen Tönen verwöhnt. Wer war nicht ergriffen von dem Cis-Dur-Tubenchoral, den Bruckner in den Satz einarbeitete, nachdem er vom Tode Wagners erfahren musste. Dieser wurde von den gut aufgelegten Tenortuben wie vom Komponisten gewünscht in edler Trauer, nicht verzweifelt, sondern gefasst vorgetragen.

Die große Herausforderung bildet, wie bei jeder Aufführung einer Bruckner-Symphonie, das Finale. Ein großer Bruckner-Dirigent ist Haitink für mich auch darum, weil ich die durch Erfahrung gesättigte Aufrichtigkeit an seiner Darbietung bewundere, mit der er die Balance zwischen Gelungenem und Vision Gebliebenem auszutarieren verstand. Während er sich vor knapp 20 Jahren, als er die Siebente Bruckners wohl zuletzt in Berlin dirigierte, noch darum bemühte, das Werk zu schließen, diese Risse im Finale zu kitten, stellte er sie nun in seinem womöglich letzten Konzert in Berlin schonungslos bloß, so als ob er uns auf den Weg mitgeben wollte: „Alles Große steht im Sturm“.

Am Ende klatschen alle Orchestermusiker ihrem sichtlich erschöpften Ehrenmitglied Beifall. Es geschieht nicht so häufig, dass im harten Kulturbetrieb Enthusiasmus wirklich von Herzen kommt, um eine gelungene Aufführung als Gemeinschaftsprodukt zu feiern. Die Zuhörer erhoben sich von ihren Sitzen. Haitink, sichtlich erschöpft, nahm die Ovationen bewegt an.

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