Das vierte Konzert des Lucerne Festival Orchestra war zugleich das erste, das mit dem ursprünglich vorgesehenen Dirigenten stattfinden konnte. Nachdem der erkrankte Riccardo Chailly bei den ersten drei Konzerten durch zwei Einspringer ersetzt werden musste, war nun planmässig Yannick Nézet-Séguin an der Reihe. Der 48 Jahre alte Kanadier, seines Zeichens Musikdirektor der New Yorker Metropolitan Opera und Chefdirigent des Philadelphia Orchestra, ist am Lucerne Festival kein Unbekannter.  Für sein aktuelles Konzert setzte er eine Komposition von Lili Boulanger und die Achte Symphonie Anton Bruckners auf das Programm.

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Yannick Nézet-Séguin
© Patrick Hürlimann | Lucerne Festival

Auf den ersten Blick haben das 12-Minuten-Stück und der fast anderthalb Stunden dauernde Koloss nichts miteinander zu tun. Und Bruckners Achte bedarf sowieso keiner Ergänzung. Nach dem Anhören von Boulangers D’un soir triste war indes klar, dass der kurze Vorspann keineswegs nur einen Tribut des Dirigenten an das trendige Frauenthema bedeutete, sondern dass es zwischen den beiden Werken deutliche Zusammenhänge gibt. Man kann sie als Tod und Auferstehung bezeichnen. Boulanger komponierte das Stück als Schwerkranke, wenige Wochen vor ihrem frühen Tod als 24-Jährige. Grosse Besetzung, Trauermarsch-Topos und dramatische zugespitzter Verlauf sind die Ingredienzien. Nach der zweiten grossen Steigerung und einem schreienden zweiten Höhepunkt beruhigt sich die Musik und schliesst in einem tröstlichen Dur-Klang.

Dieses Ende erinnert an eine Stelle in Bruckners Achter, die der Komponist als „Todesverkündigung” bezeichnet hat. Fast am Ende des ersten Satzes erhebt sich das Blech zu einer gewaltigen Eruption, die Trompeten repetieren das auf seinen Rhythmus reduzierte Hauptthema bis zum Geht-nicht-mehr. Danach bricht alles zusammen; die letzten Takte verklingen in Depression. Das Hauptthema ist gewissermassen gestorben. Bis zu dessen Auferstehung muss man sich eine Stunde lang gedulden: Sie ereignet sich erst in der Coda des vierten Satzes, da, wo die Köpfe der Hauptthemen aller vier Sätze gleichzeitig erklingen und die Symphonie zu einem triumphalen Abschluss bringen.

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Lucerne Festival Orchestra
© Patrick Hürlimann | Lucerne Festival

Wie soll man ein solches Werk, bei dem es um nichts Geringeres als Werden und Vergehen, Tod und Auferstehung geht, interpretieren? Es gibt Dirigenten, die sich als Hohepriester verstehen und die Achte als Hochamt zelebrieren. Mit Bestimmtheit gehört Nézet-Séguin nicht zu dieser Spezies. Mit seinem Hintergrund als Operndirigent versteht er sich eher als Regisseur. Er führt – um beim Bild zu bleiben – die einzelnen Themen wie Bühnenfiguren durch die Höhepunkte und Abgründe des musikalischen Geschehens. Und dieses Geschehen ist bei ihm breitgefächert: Das Erhabene hat da ebenso Platz wie die mystische Versenkung, das Strenge ebenso wie das Spielerische, das Vergeistigte ebenso wie das Sinnliche. Und gerade Letzteres schlägt immer wieder mal durch, wenn der Dirigent auf seinem Podest herumtänzelt und die gerade beteiligten Register mit suggestiven Gesten dazu ermuntert. Es ist insgesamt eine erfrischende Interpretation, die das Werk nicht in Weihrauch ersticken lässt, sondern ihm bei aller Jenseitigkeit auch die Diesseitigkeit nicht nimmt.

Nézet-Séguin präsentiert die Edition von Robert Haas aus der Alten Gesamtausgabe, die grundsätzlich Bruckners Zweitfassung von 1890 folgt, in Einzelheiten jedoch auch Elemente der Erstfassung von 1887 berücksichtigt. Heutzutage wird meistens die im Rahmen der neuen Gesamtausgabe von Leopold Nowak herausgegebene Fassung aufgeführt, die die unveränderte Zweitfassung wiedergibt. Bestehen gegen Haas’ „Bearbeiter-Fassung” aus philologischer Sicht durchaus Einwände, so spielen diese für das Publikum eine vernachlässigbare Rolle.

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Yannick Nézet-Séguin dirigiert das Lucerne Festival Orchestra
© Patrick Hürlimann | Lucerne Festival

Nézet-Seguin dirigiert auswendig und kann sich so mit ungeteilter Aufmerksamkeit dem Orchester zuwenden. Das vor zwanzig Jahren von Claudio Abbado gegründete Lucerne Festival Orchestra ist alles andere als ein zusammengewürfelter Haufen. Einige Musiker haben noch unter Abbado gespielt, etliche wirken in dem ebenfalls von Abbado gegründeten Mahler Chamber Orchestra mit, der Rest besteht aus Mitgliedern der besten europäischen Symphonieorchester. Wenn ein Dirigent wie Nézet-Séguin es versteht, diese Kräfte zu bündeln und zu motivieren, entsteht ein betörendes Klangresultat. Man könnte unzählige Beispiele anfügen, eines möge stellvertretend genügen: Wenn am Schluss des Adagio, nach vorangegangener himmelstürmender Kulmination, die Hörner und Wagner-Tuben in zartestem Pianissimo nochmals das Hauptthema anklingen lassen und die Streicher dazu eine ständig repetierte und allmählich ersterbende Begleitfigur beisteuern, ist man zu Tränen gerührt.

Nach geschlagener Schlacht lässt das Publikum seinen Emotionen freien Lauf und feiert das Orchester und den Dirigenten mit Standing Ovations.

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