Das diesjährige Motto des Klangvokal Festivals, „Auf Schatzsuche“, impliziert nicht nur die Programmierung von bisher Ungehörtem, für die die deutschen Erstaufführungen hier in Dortmund seit jeher stehen, sondern mit ihm auch neue, debütierende und Reichweite vergrößernde Ensembles. Als ein solches feierte die vom szeneweit bekannten französischen Countertenor Damien Guillon gegründete Gruppe Le Banquet Céleste nun ihren Einstand in Deutschland. Mitgebracht haben sie Antonio Caldaras – der Komponist ist in Dortmund gottseidank kein so großer Unbekannter mehr – heute verbreitestes Oratorium Maddalena ai piedi di Cristo, mit dem Guillon zuvor schon als multitaskender Gesangsdirigent in Erscheinung getreten war, hat er die Aufführungstradition anscheinend durch die Schola Cantorum Basiliensis mit auf den Weg bekommen. Dort hatten René Jacobs und Andreas Scholl das Stück erstmals eingespielt, nachfolgende Absolventen (wie z.B. in Prag) haben es ebenfalls umgehend in ihr Konzertrepertoire aufgenommen.

Maïlys de Villoutreys (Marta) © Bülent Kirschbaum
Maïlys de Villoutreys (Marta)
© Bülent Kirschbaum

Und das zu Recht, besticht das Werk durch eingängige, gefällige, wunderbare Arien. Inhaltlich beschäftigt es sich mit dem entscheidenden biografischen Abschnitt Maria Magdalenas zur reuigen Büßerin und Gefolgin Jesu zu werden, die im emotionalen Konflikt zwischen Gut und Böse der Barmherzigkeit Gottes vertraut und nicht unter ihrer aufgeladenen, schmerz- und tränenreichen Seelenlast zerbricht. In zwei Teile getrennt, behandelt der erste Abschnitt Marias Ringen am Scheideweg, während der zweite ihren Entschluss vor Jesus beim Pharisäer darstellt. Ihr Abwägen wird allegorisch und theatralisch durch die Figuren der himmlischen und irdischen Seele veranschaulicht, welche sich einen Wettkampf um die richtungsweisende Entscheidungsgläubigkeit liefern. Dies in der Form des (italienischen) Oratoriums und vor dem Hintergrund der vermittelten Fürchtigkeit und Affektisierung, bietet es also Gelegenheit für eine dramatische Ausdeutung. Doch am scheinbaren musikalischen Scheideweg zwischen Dramatik und sakraler sowie melodischer Attraktivität im Angesicht des Anmutes Magdalenas und der eigenen Rolle des siegreichen Seelenflüsterers sowie getreu der (Schluss-!)Lehre von wahrer himmlischer Schönheit, wählte Guillon weitüberwiegendenteils den gemäßigteren Ansatz, wodurch das Gehörte ein wenig starr und harmlos wirkte.

Deutlich wurde dies gerade an seiner Stimme Amor celeste, die eben selbst im Streit nicht anders konnte und sollte, als um Geschmeidigkeit besorgt zu sein, und besungene Mächtigkeit, dazu unter dennoch markig aufspielenden Streichern mit kernigem Bass, wenig verständlich herauskam. Selbst seine sprühende Siegesgewissheit war mit zu graziler Beherrschung bedacht, sodass darin der Eindruck zurückblieb, eher gegen das Orchester ansingen zu müssen als gegen die Einflüsse seines gesanglichen Gegenparts. Schon zwei festlich triumphierende Violinen reichten schließlich aus, ihn in der Stunde seines Gewinns zu überdecken. Seine unzweifelhafte Beschlagenheit zum warm scheinenden, eleganten Ton machte sich allerdings im „Da quel strale“ angemessen bezahlt, in der Pablo Valettis Solovioline ebenso blühend und klar strahlte. Wirklich ein Höhepunkt.

Damien Guillon (Amore celeste) © Bülent Kirschbaum
Damien Guillon (Amore celeste)
© Bülent Kirschbaum

Ein allzu spürbarer Identifizierungsfunke – trotz zahlreicher Sternenschauer von musikalischer Qualität – sprang aber auch bei Maddalena (Emmanuelle de Negris) nicht über, die technisch akkurat und mit wimmerndem, stärkerem Vibrato (das nur im schnelleren B-Passus „Ite a terra“ der Arie „Pompe inutili“ hinderlich war), wunderschön, weich, stets vernehmbar und standfest agierte, den Kontrast zwischen beiden Teilen der Wandlung jedoch eher nur minimal mit gelösterem und mehr Vibrieren untermauerte. Angenehmster und expressiv packendster Moment lag in ihrem besänftigend tröstlichen „In lagrime stemprato“ mit überaus offen erkennbaren Stabat-Mater-Anklängen des späteren Pergolesis unter vorzüglich inniger con sordino-Begleitung des Ensembles.

Ihr zur Seite stand neben Cristo, dem der helle, deutliche, sowohl seicht-milde als auch durchsetzungsstarke Tenor Reinoud van Mechelen den mahnenden und menschlich Vergebung anzeigenden, von der Botschaft gefestigten Charakter gab, wenngleich die Leichtigkeit und Überzeugung in schnelleren Aufgängen in Anfängen kurz zu stocken schien, mit Mailys de Villoutreys ihre Schwester Marta. Sie hatte ebenfalls keine Probleme mit der Verständlichkeit und Durchsetzung, zu denen in erstem Erscheinen Leuchtkräft und vibratogedimmte Phrasierung kamen, die Nachdruck und Eindringlichkeit verliehen, die sich zudem von Vorteil bei dem bestechenden Aufklaren der erkannten Buße in textlicher Ernstnahme erwiesen. Weiterhin brachte sie eigentlich stimmliche Beweglichkeit mit, die aber leider im „Vattene, corri, vola“ von zu strenger Kontrolle überboten wurde.

Reinoud Van Mechelen (Cristo) © Bülent Kirschbaum
Reinoud Van Mechelen (Cristo)
© Bülent Kirschbaum

Den reizenden und dunklen Kontrast besorgte Amor terreno Benedetta Mazzucato, deren Contralto-Lage vor allem im vom Orchester nachweislich dynamisch lebendigerem, feurigerem, knackig-bissigerem zweiten Teil – erfreulich, dennoch sei erwähnt, dass die gegenteiligen Concerto grosso-Elemente der solistischen Violine eins und zwei in antiphoner Aufstellung besser zur Geltung gekommen wären – der Balanceschwierigkeiten zum Opfer fiel. Versuchte sie es bei Maddalena zunächst galant, lieferte sie, die gut in den kurzen Auseinandersetzungen mit Guillon zusammenpasste, in unterhaltsamer Fetzigkeit, Flinkheit und Farbigkeit die größte Prise Theatralik. Sehr schade, dass dies bei Benoît Arnoulds Fariseo fehlte, dessen Bassbariton farb- und kraftlos, sperrig, unlocker und merkwürdig ungeschickt wirkte. Ihm lag ausschließlich das instrumental wirkungsvoll dichte „Questi sono arcani ignoti“, in dem er sich aus dem tiefen Dunkel heraus lagensicherer präsentieren vermochte.

War Le Banquet Céleste ein stimmiger Partner, der – wie erwähnt, löblicherweise, jedoch mit bekannten Überdeckungen – nach der Pause immer differenzierter und präsenter wurde, mit rhythmischer Präzision, Akzenten, Spritzigkeit und alert-frischem Continuo, verdiente sich Solocellist Julien Barre besondere Erwähnung mit seinen konzertierenden ciacone tristi zur sonoren und stimmungsvollen Untermalung Maddalenas Tränenflusses.

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