Digitalisierung und Disruption sind wohl die meistgenutzten Schlagwörter des derzeitigen Wirtschaftsgeschehens. Umso mehr verwundert es, wenn einem diese Begriffe in einem Bereich in den Sinn kommen, der so weit von der schnöden Welt der Konzernlenker und Analysten entfernt ist wie nur irgend denkbar. Den amerikanischen Organist Cameron Carpenter eint allerdings mehr mit den erfolgreichen Start-up-Gründern des Silicon Valley als mit den meisten seiner Musikerkollegen. Zuallererst ist er ein Nerd, ein detailverliebter Streber. Das sind freilich alle erfolgreiche Musiker. Denn ohne die ständige Bereitschaft, das Spielzeug gegen das Instrument einzutauschen und stundenlang eintönige Fingerübungen mutterseelenallein ohne Kontakt zur Außenwelt, oftmals ohne Tageslicht, zu exerzieren, wären sie niemals so gut geworden.

Cameron Carpenter © CAMI Music LLC
Cameron Carpenter
© CAMI Music LLC

Neben seiner ausgefeilten Technik aber weist Carpenter noch eine weitere Eigenschaft auf, die er mit den Larry Pages und Steve Bezoses dieses Planeten gemein hat: Er ist radikal visionär. Disruption im Sinne des Zerstörens althergebrachter Traditionen steht dabei nicht im Vordergrund, sondern vielmehr das Streben nach der Verwirklichung eines Traums, koste es was es wolle. Cameron Carpenter war besessen von der Idee, seine eigene digitale Orgel bauen zu lassen, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte. In jahrelanger mühevoller Detailarbeit entwickelte er so gemeinsam mit renommierten Orgelbauern seine „International Touring Organ“. Der Name weckt wohl nicht zufällig Assoziationen an die „Turing Machine“, also den Urvater moderner Computer und damit eine der wichtigsten Innovationen der Menschheit.

Die International Touring Organ unter der Leitung von Cameron Carpenter sorgte in der Münchner Philharmonie am Gasteig mit einem vorweihnachtlichen Programm für Beifallsstürme, und das zurecht. Carpenter eröffnete sein Konzert mit In dulci jubilo aus dem Orgelbüchlein, BWV 608 von Johann Sebastian Bach noch recht unverdächtig und bis auf einige kleinere Unsauberkeiten in der Tonablösung aus einem Guss. Der großzügige Einsatz von Rubati kennzeichnet das Spiel von Carpenter und wird zwar von Puristen kritisiert, ist aber ein authentisches Stilmerkmal des unorthodoxen amerikanischen Organisten. Sodann spielte er das Stück Le monde dans l’attente du Saveur aus der Symphonie-Passion, Op.23 von Marcel Dupré, gefolgt von Noel Suisse aus dem Livre de Noel, Op.2 von Louis-Claude Daquin, welche Carpenter mit viel Sensibilität und dynamischer Finesse interpretierte. Bei den französischen Orgelkomponisten des beginnenden ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ist der intensive Einsatz des Schwellwerks meist vorgegeben und durchaus erwünscht. Bei den dann folgenden Stücken von Reger, Bach und Bach/Busoni jedoch waren die dynamischen Extreme zu heftig und lenkten zweitweise unvermittelt vom musikalischen Erzählfluss ab.

Nach der Pause legte Carpenter dem Publikum eines seiner Leib- und Magenstücke unter den Weihnachtsbaum: Seine Transkription des Blumenwalzers von Peter I. Tschaikowsky. Hier konnte er seine ganze Spielfreude und technische Virtuosität ausleben. Es ist schlicht faszinierend und atemberaubend, welch einen kongenialen Partner sich Carpenter mit seiner digitalen Orgel geschaffen hat. Es gibt nichts, was klanglich nicht möglich wäre, von feinen fast unhörbaren Blockflötenklängen bis hin zu Glockenspielen und scheppernden Schlaginstrumenten. Allein schon die Bedienung der Register in den unzähligen Kombinationen erfordert enorme Konzentration. Der Klang der von Carpenter verehrten Wurlitzer-Orgel kam dann im nächsten Potpourri aus amerikanischen Weihnachtsklassikern von Leroy Anderson häufig zum Einsatz. Cameron Carpenter beendete sein Christmas Concert mit einer eigenen Improvisation in drei Sätzen über deutsche Weihnachtslieder, die in ihrer Kreativität und tonsetzerischen Qualität höchste Anerkennung verdient und – was allem Schaffen Carpenters zu eigen ist – mitreißend lebendig diesen unterhaltsamen und vielfältigen Konzertabends ausklingen ließ.