Die zwei Konzerte am 5. Oktober 2020 in der Philharmonie sind die einzigen des Chamber Orchestra of Europe während der Corona-Pandemie in diesem Jahr. Die Berliner Philharmoniker bekundeten ihre enge Verbundenheit mit dem Ensemble nicht nur indem sie den Auftritt in der Philharmonie angeboten hatten, sondern auch dadurch, dass mit der Geigerin Bettina Sartorius, dem Klarinettisten Wenzel Fuchs und dem Fagottisten Stefan Schweigert drei PhilharmonikerInnen im Chamber Orchestra mitspielten. Und auch die Wahl des Dirigenten, Sir Simon Rattle, zeigt die enge Freundschaft zwischen den Ensembles.

Sir Simon Rattle © Oliver Helbig
Sir Simon Rattle
© Oliver Helbig

Für den ersten Teil des Konzerts hatten sich die MusikerInnen Beethovens Violinkonzert ausgesucht, das für den Komponisten ungewöhnlich melodienreich ist und in dem weniger motivisch gearbeitet wird als in den meisten anderen Werken seiner Instrumentalmusik. Dennoch kam keine konfliktlos geglättete Aufführung zu Gehör. In der Orchesterexposition ließ Rattle das Orchester, vor allem die Bläser, mitunter recht roh intonieren. Doch nicht, weil die MusikerInnen auf historischen Instrumenten spielten, schepperte manches Piano im Forte. Für meine Ohren lag dahinter ein durchaus schlüssiges Konzept, das aus dem Notentext herzuleiten war. So nämlich wurde es möglich, der Solistin Vilde Frang den Weg zu ebnen, mit ihrem beseelenden Ton zu vollenden, was ihr vom Orchester noch wie unfertig vorgelegt wurde. Ich kann mich nicht daran erinnern, das in höchsten Tönen von der Violine vorzutragende Thema je derart schlicht-wohlklingend und instrumental gesungen gehört zu haben, auch weil Frang das Vibrato durchweg sehr behutsam einsetzte. Im Zentrum der Durchführung gelang es ihr vorzüglich, über das Hauptthema regelrecht zu fantasieren, bis sie aus ihm schließlich ein neues entwickelt hatte. Wohl um eine übertriebene Virtuosität, gegen die doch das gesamte Konzert komponiert ist, gar nicht entstehen zu lassen, spielte sie nur die Außenteile der Fritz-Kreisler-Kadenz und ließ danach das Seitenthema wieder sehr schlicht und einfach erklingen.

Im Larghetto wurde das Thema vom Orchester vorgestellt. Die Violine intonierte lediglich Begleitfiguren dazu, bis sie dann diese Strophen mit einer Kantilene unterbrach, die Harry Goldschmidt als Zitat vom Beginn der Arie des Florestan „Euch werde Dank in bessern Welten“ aus Beethovens Fidelio deutete. Hörbar wurde ein „Belichtet-Daliegen der Musik”, ein „Ausdruck des Dankes”, der in Beethovens Musik an entscheidenden Stellen immer wieder anklingt.

Chamber Orchestra of Europe © Werner Kmetitsch
Chamber Orchestra of Europe
© Werner Kmetitsch

Im dritten Satz kam zum Gesanglichen noch das Virtuos-Tänzerische hinzu. Doch niemals unterlief Vilde Frang etwas vordergründig Bravuröses oder Auftrumpfendes, weil sie es stets verstand, ihren Vortrag schwungvoll zu nehmen, ohne dabei willkürlich zu agieren. Dies gelang ihr auch, weil sie mitunter vor den Taktschwerpunkten das Tempo ganz leicht verzögerte.

Mit Pauken und Trompeten komponierte Haydn seine festliche Symphonie Nr. 90. Zu Anfang musste ich an die Worte des Horaz denken, „Es kreißen die Berge, zur Welt kommt nur ein lächerliches Mäuschen.“ Denn als nach einer gewichtigen langsamen Einleitung das Allegro assai erreicht war, erklang als Hauptthema ein Allerweltsgebilde aus wiederholten Noten und anschließender Kadenzformel. Aussingen durfte sich allein das Seitenthema in den Holzbläsern.

In den Doppelvariation waren die vorzüglichen Solistinnen des Orchesters zu bewundern, wenn abwechselnd ein Thema in behagliche Bukolik in Dur (Fagott und Violinen) vorgetragen und eines mit energischen Gesten in Moll verändert wurden. Nach einem Menuett voll höfischer Eleganz kam dann das Finale, in dem das Hauptthema in beinahe jedem Takt gegenwärtig war. Am Ende der Reprise schien der Satz mit einer wirkungsvollen Schlussgeste in der Grundtonart zu enden, doch nach einer Generalpause ging es im Pianissimo mit dem Hauptthema weiter. Jeder Dirigent hätte wohl die Hände hochgehalten, um ja keinen Beifall aufkommen zu lassen. Nicht so Rattle. Er ließ das Publikum losklatschen, wartete geduldig und setzte dann neu an. Er wiederholte dann den zweiten Teil des Satzes – und schaffte es tatsächlich, das Publikum noch einmal an der Nase herumzuführen.

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