Bei einem spontanen Brainstorming zum 500. Reformationsjubiläum fallen Begriffe wie Spaltung und Einheit, Geschichte und Zukunft der Kirche sowie gelebte, durchgesetzte Überzeugungen, Erneuerung und Tradition. Sie spiegeln sich beim längst etablierten, aber immer neu erkundenden Festival für Alte Musik Knechtsteden, bei dem im Zeichen der historischen Aufführungspraxis unter dem Motto „Macht Musik“ feierlich Grenzen von Ländern, Kulturen und Religionen überwunden werden. Teil davon war auch das Prager Collegium 1704, das eine lutherische Messe Johann Sebastian Bachs dem katholischen Hochamt von Jan Dismas Zelenka gegenüber-, besser anbeistellte.

Collegium und Collegium Vocale 1704 © Petra Hajska
Collegium und Collegium Vocale 1704
© Petra Hajska

Die Macht der Musik, getreu Luthers Geist und Impetus, war dabei unter Václav Luks in besten Händen, dessen Ensemble Zelenka im Namen und in den künstlerischen Adern, Bach ebenso auf ihrem Grundstein und im Herzen trägt. Diese Passion übertrug sich unmittelbar, als es ein seelenvolles Kyrie der g-moll-Messe in die Basilika warf, durch dessen Fluss und Intensität man in die Leipziger Pracht dieser geschätzten, universell einsetzbaren Vertonung und den vermittelten Text hineingesogen wurde. Mit der auch für den halligen Kirchenraum benötigten Balance, Transparenz, lebendigen Dynamik und Betonung bewirkten Chor und Orchester die klare Schärfung und Herausstellung Bachs schwingender musikalischen Anlage und der entfalteten Aufnahmefähigkeit. In wohliger Passgenauigkeit aus Eleganz und gläubiger Leichtigkeit artikulierte das vierzehnköpfige Vokalcollegium die klassischen kompositorischen Kontraste des Christe eleison oder des sprudelnden, die Melodieschönheit auskostenden Et in terra pax, verstärkt durch ein energisch heißes Gloria.

Von nicht allzu minderer Belebung waren zudem die folgenden drei Concerto-Arien der Sequenz, für die die Solisten aus den Reihen des Chores nach vorne traten. Tomáš Králs Bariton füllte darin durch akzentuierte und dynamisch aufgeladene Eindrücklichkeit mit der strengen Untermalung der Instrumentalisten ein ehrvolles, klares Gratias. Während Aneta Petrasovás Alt voll dunkler Anregung genauso willig, aber im Domine fili unigenite etwas außer Atem war, filterte Tenor Václav Čížek zusammen mit dem typisch-lautmalerischen Einsatz der Oboe Katharina Andres' das Qui tollis-Substrat aus Leiden und erlösendem Trost, welches er im Wechsel aus härterer und besonders beherrschter lieblich-sanfter Stimmung herüberbrachte. Nach einem aufgelockerten Quoniam vibrierte abschließend unbändige, festliche Freude in einem Cum sancto spiritu. Das Orchesterensemble tänzelte so frisch, der Chor fädelte sich so sprühend in das elektrisierende Muster ein, dass es danach, zumindest für die Rezipienten, gar keiner Pause bedurft hätte.

Denn mit Zelenkas Missa omnium sanctorum zündeten die Prager Spezialisten die nächste, daran wunderbar anknüpfende Temperamentsstufe, die in Fleisch und Blut überging. Wie sie titularisch den gewichtigen Höhepunkt in seinen Messvertonungen und Stilexperimenten zeigt, so ließ Luks die unverwechselbare, charaktervolle Kühn- und Bizarrheit herausfeuern, wobei der nun Dresdner Prunk hier auch ganz ohne Trompeten und Pauken auskommt. Einem spritzigen Kyrie folgend, in dessen Christe eleison Čížeks stimmliche Hebefiguren durchaus eleganter und wie im zurücknehmeden piano auch weich hätten vorgebracht werden können, legte das Ensemble jubillierende Lust und Laune in das fein-flink ornamentierte, in Dynamik und Deklamation rauschhafte Gloria, sodass man am liebsten aufspringen und mittanzen wollte. Im Gegensatz zu Čížeks Einsätzen kontrollierte Aleksandra Lewandowska ihren höhenkristallinen, mit dem Orchester verschmelzenden Sopran im spährischen Qui tollis, in dem eine ebensolche Schlusskadenz ihr aus dem Engelreich phrasiert schwebendes Wort krönte.

Dem geistlichen Effekt zuträglich, geriet ebenfalls das solistische Quoniam innig und prägnant, das Kamila Mazalová nach markanten chrorischen Prologrufen mit ihrem geschmeidigen, warmen, tiefen Alt durch Textverständlichkeit und Atem galant schmückte. Begleitete das Orchester dort die trotz witziger Ornamentik und Melodik etwas trocken abgeschwächte Opernarie mit hüpfendem Lässigkeitskontrast, steppte es mit wummerndem Bass ein mitreißend federndes Cum sancto spiritu auf die Bühne, dessen überquellende Freude immer weiter gesteigert werden konnte. Den kühlen Gemäuern wurde sogar soweit eingeheizt, dass die empfindlichen Instrumente vor dem zweiten Teil mit der Credosequentia nicht nachgestimmt werden mussten.

Diese enggefasste Passage der Missa mit ihrer einerseits gepfefferten Theatralik, andererseits geladenen Überraschung weitete Luks in der strukturellen Varianz. Indem er scharfe Streicher animierte, ihrer Bissigkeit gleichsam freien Lauf zu lassen wie der eleganten Leichtigkeit in melodischen Bögen, oder das harmonisch extravagante, schmerzliche, aber immer mit dynamischem Weiterleben bedachte Crucifixus gestaltete, aus dem sich umso heftiger das kraftvolle Et resurrexit erhob, unterstrich er die flüssige, große Kunstfertigkeit Zelenkas. Dessen spezielle Vermischung aus Alt und Neu offenbarte sich zudem im weichen Sanctus aus langen Linien und dem daraus erwachsenen, klassischen Benedictus, bei dem die fast mozart-schubertschen Seitenübergänge der Violinen das einfache Geradeaus des Gesangs konterkarierten.

Luden die Stimmen Energie im in sich wühlenden Agnus Dei samt mitziehend dosierter Einschübe Králs auf, schloss das Collegium 1704 mit dem rahmenden Dona nobis pacem, welches nicht nur abermals außergewöhnlich entwickelt wurde, sondern eine erwünscht mächtige, musikalische Ökumenefeier für sich bildete. „Macht Musik!“