2015, drei Jahre nach seiner Gründung, schaffte das junge französische Quatuor Van Kuijk bereits den Durchbruch mit einem ersten Preis beim Quartett-Wettbewerb der Londoner Wigmore Hall. Jetzt präsentierte das ambitionierte Ensemble im intimen Rahmen des Teatrostudio im LAC (Lugano Arte e Cultura) ein anspruchsvolles Programm mit Werken von Debussy, Webern und Mendelssohn.

Quatuor Van Kuijk © Nikolaj Lund
Quatuor Van Kuijk
© Nikolaj Lund

Die Mehrzahl der Streichquartette bilden auf dem Podium einen Halbkreis, wenn nicht gar einen mehr oder weniger geschlossenen Kreis. Aus der Sicht des gemeinsamen Musizierens, des Kontakthaltens untereinander macht dies Sinn. Oft mag dieser enge gemeinsame Kontakt unerlässlich sein zum Erreichen einer kohärenten, überzeugenden Interpretation. Andererseits setzt eine geschlossene Anordnung das Publikum in die Position des externen Beobachters, kann gar eine emotionale Barriere zum Ensemble errichten.

Ganz anders präsentierte sich hier das Quatuor Van Kuijk: eine breite, offene Formation, in der Sylvain Favre-Bulle an der zweiten Violine und der Violist Emmanuel François direkt zum Publikum gerichtet waren. Selbst François Robin zeigte am Cello mehr als nur sein Profil. Am ehesten noch blieb Nicolas Van Kuijk seinen Kollegen zugewandt – ohne dass er sich deswegen als Chef aufgespielt hätte. Im Gegenteil, es entstand der Eindruck von vier gleichberechtigten Partnern, die trotz einer gestreckter Aufstellung offen und lebendig miteinander kommunizierten. Am kontaktfreudigsten zeigte sich dabei der zweite Violinist, sowie der Cellist, die beide mit offensichtlicher Freude musizierten. Selbst in der weiten Formation spielte sich die Kommunikation beinahe ausschließlich zwischen den Musikern ab, der Einbezug des Publikums war mehr impliziter Natur. Es spricht für die seriöse Vorbereitung und die Qualität des Ensembles, dass die Musiker trotz der Distanzen keinerlei Schwächen in der Koordination zeigten, auch in virtuosen Partien und in koordinativ anspruchsvollster Musik wie Weberns Fünf Sätzen absolut sattelfest blieben, nie die geringste Unsicherheit erkennen ließen.

Das Quartett von Debussy gab Gelegenheit, den Ensembleklang kennenzulernen. Zumindest im Eingangssatz schien den Musikern ein runder, warmer, eher weicher Ton wichtiger als die ultimative Transparenz und Klarheit in kleinen Notenwerten. Auffällig waren die harmonischen Steigerungswellen, der romantisch-expressive Ton, das feine Spiel in der Agogik und die organischen Tempoverläufe im Rubato. Im Fortissimo konnten die Musiker durchaus auch kräftig zugreifen, ein eindrückliches Volumen erreichen und Biss zeigen, zumal in diesem kleinen Saal. Der zweite Satz ist voller Pizzicati (erinnert gelegentlich an das Scherzo aus Tschaikowskys Vierter), rhythmisch vielfältig komplex, zugleich reich an Klangfarben. Hier war das Quartett ausgezeichnet, virtuos und hinreißend bis zum Verklingen im gezupften ppp. Im Andantino ließ das Spiel mit Dämpfer den Klang der Mittelstimmen noch wärmer und dunkler erscheinen. Hervorragend, wie die Musiker sich gegenseitig beobachtend zuhörten, sich zu kontrollieren schienen, jederzeit ausgezeichnete Balance haltend und sorgfältig die Dynamik kontrollierend, Debussys Rubato harmonisch nachgestaltend. Am expressivsten ist der Schlusssatz, mit einer enormen Breite im Ausdrucksspektrum, von ruhigen Partien bis hin zu kraftvoll-bewegten Eruptionen. Hier kam die abgestimmte Sonorität der Instrumente bestens zur Geltung.

Spieltechnisch deutlich anforderungsreicher sind die 5 Sätze für Streichquartett von Webern, mit ihrer extremen Dynamik, den häufigen Tempowechseln, der blitzschnellen Übergabe von kurzen Motiven mit kleinsten Notenwerten – vif, akkurat dargeboten – und natürlich der Intonation. Letztere ist besonders in den langsamen Sätzen 2 und 4 kritisch; sie war hier vielleicht nicht immer ganz perfekt, zeugte aber von gutem Hinhören. Wunderschön die Klangfarben der klagenden Motive in der Viola im 5. Satz, der zugleich im Tremolo zu atmen schien. Insgesamt war es eine musikalische, mehr denn analytische Interpretation.

Nicht durchweg gelungen schien das Vierte Quartett von Mendelssohn. Mich störte das eher starke Vibrato und allzu häufige Portamenti, viel mehr aber die Tendenz (primär in der ersten Violine) zum Nachdrücken: wenn der Violinist am Ende einer langen Note beschleunigt, um das Bogenende zu erreichen, lässt dies den Ton am Ende des Notenwertes nochmals anschwellen. Diese Unart wirkte besonders störend, wenn der Schweller mit Synkopen oder verschobenen Notenwerten der Mittelstimmen zusammenfiel. Dadurch ging bereits im Eröffnungssatz nicht nur der Effekt gegenläufiger Rhythmen verloren, sondern auch die rhythmische Klarheit. Bei den typisch Mendelssohn’schen, rastlos-geschäftigen Partien fiel dies allerdings kaum ins Gewicht, und der Spannungsverlauf über den oftmals begeisternden Satz war ausgezeichnet gestaltet. Brillant, musikalisch und präzise war hingegen das virtuose Scherzo, das mit seinem raschen Spiccato-Spiel wie ein kurzes Gewitter vorbeizog. Andererseits störte im Andante das Zuviel an Vibrato und Portamento den schlichten Lied-Charakter der Melodiestimme. Der hinreißende Schlusssatz machte dies wieder vergessen: virtuos, wach, alert gespielt, mit perfekter Ablösung der Motive zwischen den Stimmen.

Nicht von ungefähr kehrten die Musiker für die Zugabe wieder nach Frankreich zurück, mit dem Finale aus Ravels Streichquartett, das mit seinen flirrenden Tremoli an das Brausen des Mistrals gemahnte.

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