Mitreißend, spannungsvoll und überraschend: das ist die irische Oper The Second Violinist. Discomusik, Madrigalzitate und Mikrotonalität in einer wohlausgewogenen Partitur von Donnacha Dennehy. Kühlschrank, Bus und Videospiele in einer Inszenierung von Enda Walsh, die aktueller nicht sein kann. Kurz und gut eine Oper, bei der sich der Zuhörer gleichermaßen verstanden und herausgefordert fühlt. Verstanden, weil das Geschehen auf der Bühne unverblümt Teile unseres eigenes Lebens beschreibt; herausgefordert, weil die Vielschichtigkeit der Oper seinem Publikum viel abverlangt, um den vielen gleichzeitig ablaufenden Ereignissen folgen zu können. Die erfahrene Gefühlsdichte wirkt noch lange nach.

<i>The Second Violinist</i> © Tonnie van Gessel | Dutch National Opera
The Second Violinist
© Tonnie van Gessel | Dutch National Opera

„Identität und Konfrontation” ist das diesjährige Festivalthema des Amsterdamer Opera Forward Festivals. Die Festivalleitung hatte neben Werken van Adams, Nono, Asperghis, Kyriakides, Hamel und Kurtág auch die Produktion The Second Violinist der Irish National Opera eingeladen, wo sie 2017 in Dublin uraufgeführt worden war. Das Libretto stammt von dem irischen Regisseur und Schriftsteller Enda Walsh.

Walsh und Dennehy haben mit diesem Werk eine Thilleroper geschrieben, die den Zuschauer nicht nur gut 70 Minuten in ihren Bann schlägt, sondern darüber hinaus einige essentielle Fragen aufwirft über die Art und Weise wie wir heute miteinander kommunizieren und wie wir mit Abweisung, Misserfolg und Eifersucht umgehen. Auf der Bühne wird viel telefoniert und getextet. Die Textnachrichten sind auf einem 13 Meter langen Videoschirm mitzulesen. Der Videokünstler Jack Phelan hat auf dieser großen Leinwand neben Bildern eines blutigen Videospiels auch Aufnahmen von Löwen auf der Jagd und riesigen Vogelschwärmen eindrucksvoll montiert. Die zentrale Kinoleinwand beherrscht die Bühne genauso wie Smartphones unseren Alltag und bringt die Allgegenwärtigkeit moderner Kommunikationsmittel stark ins Bild.

Walsh erzählt keine eindimensionale Geschichte, sondern bringt ganz in der Tradition irischer Dichter das Abstrakte und Komplexe von Gefühlen auf die Bühne. Ihn interessiert die Atmosphäre und deren Nachhall. Ihn fasziniert, wie ein gestriges Ereignis am folgenden Tag noch immer spürbar in einem Raum wahrnehmbar sein kann. Walsh hat einen Vorfall aus Irland zum Ausgangspunkt seines Librettos genommen, bei dem ein unbescholtener Bürger ein düsteres Doppelleben geführt hatte. Diese Abgründe hinter einer Fassade von Normalität oder sogar Genialität führte Dennehy und Walsh im Entstehungsprozess ihrer zweiten gemeinsamen Oper zum berühmten Renaissancekomponisten Carlo Gesualdo, der seine Frau und deren Liebhaber auf grausame Weise ermordet haben soll.

<i>The Second Violinist</i> © Tonnie van Gessel | Dutch National Opera
The Second Violinist
© Tonnie van Gessel | Dutch National Opera

Dennehy zitiert mehrmals wörtlich aus der ersten der 29 sechsstimmigen Tenebrae Responsories Gesualdo’s, Tristis est anima mea aus dem Jahr 1611. Das gibt der mit Mikrotönen sehr modern geschriebenen Oper immer wieder Oasen der Besinnung. Es macht aber auch die Zeitlosigkeit einer Kunstgattung deutlich, die schon mehr als 400 Jahre menschliche Gefühle non-verbal eindringlich zu beschreiben weiß. Der Streichersatz ist durch die Einbeziehung einer Bassgambe sechstimmig. Das von Dennehy 1997 errichtete Crash Ensemble spielte variationsreich mit ausdrucksstarken Soli von Horn und Geige und eben dieser Viola da Gamba. Der kurzfristig eingesprungene Dirigent Killian Farrell sorgte für einen reibungslosen Ablauf der sehr abwechslungsreichen und anspruchsvollen Partitur. Es gelang ihm, eine Homogenität des Gesamtklangs herzustellen, in dem die drei Solisten und der Chor der Irisch National Opera immer exzellent vom Crash Ensemble begleitet wurden. Dazu mischte sich genial die Geräuschkulisse der Sound Designer David Sheppard und Helen Atkinson, die zusammen mit der meist kühlen Beleuchtung von Adam Silverman und den aus dem Leben gegriffenen Kostümen von Joan O`Clery allesamt zum beängstigenden Realismus dieser Oper beitrugen.

<i>The Second Violinist</i> © Tonnie van Gessel | Dutch National Opera
The Second Violinist
© Tonnie van Gessel | Dutch National Opera

Dass diese Oper aber den Fedora Generali Opernpreis 2017 bekam, liegt nicht zuletzt an den drei Solisten und dem Schauspieler Aaron Monaghan, der die Rolle des Protagonisten Martin unvergesslich zeitgemäß umsetzte. Die irische Mezzosopranistin Sharon Carty unterging überzeugend die Entwicklung ihrer Figur Amy, die durch den Besuch ihrer Studienfreundin Hannah den Verlust von Spontanität und Lebensfreude in ihrem Leben zu bereuen beginnt. Benedict Nelson singt als ihr Ehemann sich die Frustrationen einer abhandengekommenen Liebe vom Leibe. Er macht die Wandlung vom verschlafenen Langeweiler zum aggressiven Mörder in Spiel und Gesang mehr als nachvollziehbar. Bei beiden Sänger beeindruckt die Natürlichkeit ihrer Stimmen, die ganz ohne Manierismen ihre Charaktere optimal in Szene setzen. Auch die irische Sopranistin Daire Halpin überzeugte in ihrer Rolle als Studienfreundin und Verführerin Hannah obwohl sie als einzige nicht zur Uraufführungsbesetzung gehörte.

Die Oper endet mit dem Auftritt von Martins Internetdate Scarlett, die sich als 14-jähriges Mädchen entpuppt und sich mit Martin in aller Unschuld in einem abgelegenen Wald (bizarr schön Form gegeben auf dem Dachboden der Wohnung von Jamie Vartan) verabredet hatte, wo er ihr Musik von Gesualdo vorspielen will. Der Chor sang zu diesem offenen Ende halb verdeckt: et ego vadam immolari pro vobis (und ich werde mich für euch opfern), den letzten Satz aus Tristis und verband damit Carlo Gesualdo auf überzeugende Weise mit unserer Zeit.

Ich wünsche mir mehr von solch unbeschreiblich intensivem Kunstgenuss!

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