Eine Wagner-Oper mit großer Orchesterbesetzung. Ein stimmlich gewaltiger Männer- und Frauenchor inklusive Extrachor. Eine einzige Vorstellung einer Wiederaufnahme. All das gibt es nur in München bei den Opernfestspielen! Während immer mehr Opernhäuser langsam aus ihrem Lockdown-Winterschlaf erwachen, wird an der Bayerischen Staatsoper gleich richtig dick aufgetragen! „Klotzen, nicht kleckern“ scheint das Motto der letzten Spielzeit und der kurzfristig zusammengestellten Festspiele von Intendant Nikolaus Bachler zu sein, sodass er – Corona zum Trotze – einen gebührenden Abschied feiern kann.

Ain Anger (Daland) und Tomasz Konieczny (Holländer)
© Wilfried Hösl

Und zwischen den zahlreichen großen Opernproduktionen, Premieren und Konzerten muss sich diese einsame Holländer-Vorstellung keineswegs verstecken. Peter Konwitschnys Produktion, die seit 2006 in München gezeigt wird, hat bereits Kultstatus erreicht und büßt dennoch nichts von ihrer Aktualität und ihrer humorvollen Interpretation ein. Die zunächst sehr historisch verortete Inszenierung – nur die Brücken zweier Schiffe vor einer nach Caspar David Friedrich anmutenden Mondscheinlandschaft und das Piratenkostüm des Holländers, bei dem man nur den Papagei und das Holzbein vermisst, wird in der folgenden Szene plötzlich völlig ins Gegenteil gekippt: Konwitschny nimmt die Spinnräder etwas zu wörtlich und verlagert die Szene zugleich in ein Fitnessstudio. Auf ihren Spinning-Rädern, angetrieben von Mary mit Trillerpfeife und flottem Sportanzug, geben sie sich ganz der körperlichen Ertüchtigung hin. Nur Senta lässt sich von dem Selbstoptimierungswahn nicht einnehmen und hat nur Augen für das historische Porträt des Holländers. Die Inszenierung lebt von der Spannung zwischen diesen beiden Welten und da dürfen die Requisiten auch gern mal absurd und nach Klamauk aussehen. Konwitschny zeigt, dass man Wagner nicht immer allzu ernst nehmen muss und spielt bewusst mit effektvollen Kontrasten und Spannungen.

Der fliegende Holländer
© Wilfried Hösl

Nicht nur die hervorragende Einstudierung, sondern auch die erstklassige Sänger*innenbesetzung an diesem Abend machte den Holländer zu einer festspielwürdigen Wiederaufnahme. Manuel Günther leitete die Oper als Steuermann mit fester, aber lyrisch abgerundeter Tenorstimme ein. Tomasz Konieczny, der kurzfristig für Bryn Terfel eingesprungen war, ist ein Holländer par excellence. Ganz in seiner Rolle des aus Raum und Zeit gefallenen Kapitäns aufgehend, ließ er auch stimmlich kaum Wünsche offen. Seine wandlungsfähige und effektvoll eingesetzte Bassbaritonstimme, ertönte mal leidenschaftlich, mal kraftvoll ungezähmt.

Tomasz Konieczny (Holländer), Manuel Günther (Steuermann) und Ain Anger (Daland)
© Wilfried Hösl

Ihm gegenüber stand mit Anja Kampe eine ebenso erfahrene Wagnersängerin, die sich als Senta in ihrer Realitätsflucht nichts sehnlicher zu wünschen scheint, als mit einer Fiktion in den sicheren Hafen der Ehe einzufahren. Ein von allen verlachter Traum, der plötzlich Realität wird. Kampe stellte dies szenisch mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit und stimmlich mit schön geformten Vokalen und ihrem warmen, raumgreifenden Sopran dar.

Ain Anger (Daland), Anja Kampe (Senta) und Tomasz Konieczny (Holländer)
© Wilfried Hösl

Ain Anger verkörperte als Sentas Vater Daland den gut gelaunten Opportunisten, der seine Tochter nur allzu bereitwillig für ein paar funkelnde Steine verkauft. Als Ideal des schroffen Seemanns, mit einer rauen Stimme, von Salzwasser und Korn gefärbt, beeindruckt er mit seinem breiten, markanten Bassfundament. Auch die Rolle der Mary überzeugte, die mit Tanja Ariane Baumgartner nicht besser hätte besetzt werden können. Bei dieser satten Mezzostimme mit ihren eindrucksvollen Tiefen hätte man sich glatt eine Hauptrolle für sie gewünscht.

Der Chor und Extrachor der Bayerischen Staatsoper trat mit großer Spielfreude gestalterisch überzeugend auf und war auch stimmlich bestens aufgelegt. Überaus homogen und stimmgewaltig machten sie die Chorszenen zu den Highlights dieser Opernaufführung.

Tomasz Konieczny (Holländer)
© Wilfried Hösl

Das Bayerische Staatsorchester unter Leitung Simone Youngs bestritt den Abend mit straffen Tempi und einer recht plakativen Ausführung im Dauerforte. Bereits zur Ouvertüre peitschte die Dirigentin das Orchester mal mehr, mal weniger virtuos durch die Partitur, wodurch wenig Gelegenheit für sanfte Zwischentöne oder fein akzentuierte Momente blieb.

Trotz der nicht vollends überzeugenden Orchesterleistung bleibt es ein lohnenswerter Abend. Konwitschnys Inszenierung ist eine von vielen Produktionen, die unter der Leitung Bachlers immer wiederaufgenommen wurde. Glücklicherweise wird dieser Fliegende Holländer auch sogleich zu Beginn der nächsten Spielzeit noch einmal gezeigt. Mit den Inszenierungen der „Ära Bachler“ beschäftigt sich auch die derzeitige Ausstellung Sphinx Opera in den Foyers der Staatsoper. Alexander Kluge, der die letzten dreizehn Jahre viele Produktionen filmisch begleitet hat, arbeitet bedeutende Produktionen auf und lässt beteiligte Sänger*innen und Künstler*innen der letzten Jahre zu Wort kommen.

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