Zwar war Johann Sebastian Bach ausweislich seines Sohnes Carl Philipp Emanuel „wie ich und alle eigentlichen Musici kein Liebhaber von trockenem mathematischem Zeuge“, doch ist eine gewisse Zahlenmystik und Arithmetik bei ihm quasi unerlässlich. Sie betrifft natürlich die Zahl Drei und spielt eine entscheidende Rolle beim neuen Projekt Raphaël Pichons mit seinen Ensembles Pygmalion. Habe ich noch letztsaisonale Trilogie Bachs zum Leben Christi an drei aufeinanderfolgenden Tagen gut in Erinnerung, begann eine weitere, nämlich sich drei Jahre lang in einem jeweils drei Konzerte pro Durchgang umfassenden Programm auf die Reise zu familiären Ahnen und Vorbildern des größten Musikers selbst zu begeben. Jene, die Emanuel als Verwalter des Erbes im Alt-Bachischen Archiv pflegte. Überschrieben ist Pichons Eintauchen in Vergangenheit und breites Verstehen der Welt des Komponisten mit Die Wege Bachs, die ihn vor den Beispielen „Die Meister“ und „Nach Lübeck“ zu den „Vätern Bachs – eine Dynastie“ brachte.

Raphaël Pichon
© Foppe Schut

Für dieses herkunftsprägende Poesiealbum voller musikalisch-lutherischer Pracht und Ars-moriendi-Andacht stellte Pichon eine in jeder Hinsicht dramaturgisch abgestimmte Motettenvesper in drei Abschnitten zusammen, für die eine zusätzlich vorgegebene Zahl den Rahmen festlegte: die Zwölf. Zwölf Stücke, von denen im Gegensatz zur Pariser Premiere allerdings mit dem Auslassen Matthias Weckmanns Michaeliskantate in Amsterdam nur elf erklangen, weil Tenor Zachary Wilder krankheitsbedingt ausfiel. Es tat der Vollkommenheit keinen Abbruch, zumal Chor, Orchester, Solisten und mit ihnen Einspringer Laurence Kilsby den Abend zur schieren Offenbarung gestalteten. Begonnen mit Johann Michael Bachs Unser Leben währet siebenzig Jahr, das um Pichons verlängerte Schlussswiederholungen „als flögen wir davon“ etwas verändert wurde sowie durch Pianissimo und Klangeinheit Pygmalions pure Würde und Kostbarkeit aus- und mittels William Sheltons reinen, standhaften Altus' zum Cantus firmus „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“ mit Tenorblocklöte jegliche Vergänglichkeit überstrahlte.

Zu Sheltons Intensität auch in Johann Christoph Bachs Herr, wende dich und sei mir gnädig gesellten sich mit Samuel Boden und Renaud Brès in menschlich und textlich nachfühlbarer Individualität die zwei Mitbetenden vor dem Verscheiden, denen Tomáš Král als Angesprochener und mit ihm dazukommene, bestens phrasierende Violinen wohltuende, beruhigende und geradlinig bestimmte Vertrauenskraft auf seine Taten schenkten. Den dynamischen und theatralischen Ausdruck aller zur Sterbenszuversicht verstärkte der ergreifende, warme Chor im chaconnierten Choral-Lobpreis, in dem erstmals das Tutti aus Orgel, Cembalo, Barockharfe, Theorbe, Basse de violon, Tenor- und Bassgamben, Barockfagott, Blockflöte, Posaunenconsort (Zinken) und Geigen den Himmel auf Erden bereitete. Dieses instrumentale und vokale Funkeln mit faszinierender Betonung, Diktion und gleichfalls anziehendem Rhythmus mündete in den liturgischen Herzstücken, dem mit Herzblut beschwingten, kontrastreichen Laudate dominum à 8 Hieronymus Praetorius' und dem Magnificat per omnes versus super ut re mi fa sol la des nicht verwandten Namensvetters Michael, das voll ehrerbietender und spielerisch beherrschter Leichtigkeit in bestechender Artikulation tänzerisch dahinschwebte.

Raphaël Pichon dirigiert das Ensemble Pygmalion und Solisten
© Foppe Schut

Konzertmeisterin Sophie Gent und ihr zur Seite stehender Basso continuo leiteten mit der bewegt-bewegenden Sinfonia zu J. M. Bachs Sakralarie Auf, lasst uns den Herren loben den zweiten Part ein, in dem mit von Kilsbys blumig-sanftesten, dramatischen Tenor beeindruckend interpretiertem Kummerlied Philipp Heinrich Erlebachs Himmel, du weisst meine Plagen, Johann Ludwig Bachs festhaltende à-capella-Motette Sei nun wieder zufrieden sowie J. Chr. Bachs Lamento Ach dass ich Wassers g'nug hätte mit an Sheltons Lippen und Wonnekopfstimme hängender Klarheit und Effektexpressivität und der darauf gerichteten Antwort der Quartett-Anrufung (Shelton, Boden, Kilsby, Král) unter Soprantönen der Engel mit hoffnungsgeladener Motette Fürchte dich nicht weiteres Glanzstück auf Glanzstück folgten. Nach einer schlichten, zu Herzen gehenden ersten Strophe seiner Choraria Es ist nun aus mit meinem Leben für den dritten Teil der Vesper tröstete letzlich J. S. Bachs Actus Tragicus so sehr mit sinnhaft hinzugefügten Posaunen im ATB-Coro vor Maïlys de Villoutreys' süßlicher, weicher und verlangender Todesschilderung, dass ich die weiteren Teile Pichons Projekts ebenfalls kaum abwarten kann. Die Zahlenkombination zum musikalischen Paradies ist jedenfalls bekannt.

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