Wer Abwechslung vom klassischen, nach wie vor immer wunderbaren, Totengedenken mit Mozart und Brahms suchte, der wurde bei Klangvokal Dortmund fündig und reich belohnt. Zu einem Black Friday ganz anderer Art lud es Vox Luminis, nun in erfahrener Requiem-Projektkombination gemeinsam mit François Joubert-Caillets Gambenconsort L'Achéron, zum dritten Mal innerhalb von zwölf Monaten ein, ein spezielles Barockprogramm aufzuführen. Diesmal eben jenes rund um den Ewigkeitssonntag, dem Scheiden von der Welt sowie der biblisch-bildlichen Vorstellung von Gottes Gnade und Sündenvergebung mit Übertritt in dafür geschaffene Gefilde, deren Bezug zum Menschen in gläubiger Tradition erst von Gott durch Jesu die Bedeutung von Erlösung, Trost und Seelenauffahrt erhielt. Daher schlug Lionel Meuniers nach der Sammlung Prosa pro mortuis, in der sich Giovanni Legrenzis Dies Irae befindet, betitelten Zusammenstellung mit der vor über sechs Jahren aufgenommenen Missa pro defunctis Johann Caspar Kerlls den Bogen zur österlichen Sterbestunde bei Heinrich Schütz, dem das Ensemble am Ende des großen Festjahres zum Komponistentod natürlich erneut die repertoire-identitätsstiftende Aufwartung machte.

Vox Luminis mit L'Acheron
© Bülent Kirschbaum

Dessen Sieben Worte Jesu Christi am Kreuz eröffneten chronologisch den denkwürdigen Konzertabend, an dem sich mit dem Trubel zum bunt-blinkenden Riesenrad auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt vor dem Reinoldihaus und den homogensten, würdig-beseelten Klängen Vox Luminis' und L'Achérons im Saal diametral für sich gesehen lebensnahe und doch entfliehende Welten auftaten. Innen mit Schütz solche voller verständlich-schmerzlicher Trauer und seligen Trosts, deren jeweilige zusammengehörige Kontrasthaftigkeit besonders Ausdruck fand im Betonungs-, Deklamations- und Phrasierungsgewicht Meuniers sowie in eindringlich-lenkender Bespielung der Truhenorgel durch Anthony Romaniuk und satter, muckelig-beherzter Saitenmassage des Gambenquintetts aus Diskant, Tenor, Bass und zusätzlichem Consort-Bass. Leidenschaftlich, körperlich und theatralisch, wie Schütz einzigartige Sprache ist, erbaute das Instrumentale die vor ihnen nachgestellte Sterbeszene mit Jacob Lawrence als demütiger, menschlicher, warmer, unerschrockener, anfassender und erlösender Jesus inmitten der Schächer zur Linken und Rechten (Korneel Van Neste und Sebastian Myrus unter Regalregisterschnarren) zum golgatischen Drama mit tränenfließender wie -trocknender Kraft. Letztere beherrschte selbst- und tuttiredend die „Conclusio“ – evangelistisch geredet hatten zuvor Victoria Cassano und Philippe Froeliger – mit vollmundig-frommer Zuversicht.

Um den Gamben als barocken Trauerbegleitern noch mehr Raum als in den „Symphoniae“ zu schenken, leitete L'Achérons sowohl maßstabsetzend (technisch-)sauberes als auch chraktervolles und phrasierungslebendiges Klangbild in Legrenzis Sonata sesta à 4 zum doppelchor-vierstimmigen Dies Irae. Dieses war gezeichnet von eifrigem Effekt der dringlichen Milde-Bitten um den Gerichtsprozess, die mit dem ineinandergreifenden Entfalten der Stimmen Vox Luminis' (solistisch darunter Zsuzsi Tóth, Cassano, Van Neste, Tim Braithwaite und Meunier) Legrenzis operalen Boden genauso auftaten wie den andächtig-sakralen Himmel – jeweils in natürlicher Naturalistik: hingeblich licht, majestätisch oder hoffnungsbejahend konzertant.

Beim Hören fast unmöglich in pflichtige Worte zu fassen (was Musik ja auf den Punkt treffend leistet!), schwebten Vox Luminis und L'Achéron mit Kerlls meisterlichem, 1689 in München zu Ehren Kaiser Leopolds I., aber „für meinen Seelenfrieden“ erstveröffentlichtem Requiem über den Dingen. Direkt zu Herzen ging das unmittelbar mit dem Bass aus der Tiefe aufsteigende rührend-heimelige Gefühl des vom Komponisten gewünschten „Umarmens“, von Friedfertigkeit und Erlösung, das Kerll für fünf stimmen (doppelt besetzt für Solo und Ripieno mit farbigen, vertraulichen Ebenen) so herrlichst arrangierte, dass sich mein Plädoyer für deutlich mehr davon gut mit der Ewigkeit des Paradieses verbinden lässt, welches die Ensembles für den Moment auf die Erde brachten. Dies äußerst weihelich und unaufdringlich, nachdem sie in der extragedachten vierstimmigen „Dies-irae“-Sequenz wiederkehrende, kongregationale Fürbitte hielten zu den mit stimmiger Bedacht vorgetragenen Strophen-Anhörungen durch Myrus, Lawrence, Van Neste, Cassano, Froeliger und Tóth sowie dem Terzett von João Moreira, Olivier Berten und Meunier und dem Duett von Tóth und Van Neste. Riefen alle Vokalisten und Gamben im fesselnden „Offertorium“ den Herrn vehement zum Schutz vor der Hölle auf, konnte auch ich mich am Ende befreiter, gelassener und erfüllt durch weihnachtsmärktlichen Kitsch zur Rückfahrt schlängeln.

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