In seinem jüngsten Konzert mit den Berliner Philharmonikern stellte Zubin Mehta Werke von Strauss und Beethoven einander gegenüber. Wenn Karajan einmal sagte, dass ein Orchester keinen eigenen Klang habe, sondern allein der Dirigent diesen erzeuge, dann war dieser Abend ein Beispiel für die Richtigkeit dieser Erfahrung. Don Quixote gehört zu den Werken, durch die Strauss zu dem modernsten Komponisten seiner Zeit wurde. Mir kam es bisher immer so vor, als ob Mehta, dessen Konzerte in Berlin ich seit etwa 40 Jahren regelmäßig besuche, zu den Dirigenten gehört, die dazu neigen, die Konflikte einer Partitur zu glätten. Darum war ich sehr überrascht, dass ich dieses, womöglich ungerechte, Vorurteil in dieser Aufführung nicht bestätigt sah.

Ludwig Quandt, Zubin Mehta und Amihai Grosz © Monika Rittershaus
Ludwig Quandt, Zubin Mehta und Amihai Grosz
© Monika Rittershaus

Die drei Themen, mit denen Strauss den Titelträger musikalisch zu Beginn auftreten lässt, gestaltete Mehta als einen Prolog des Ganzen. Die Introduktion folgt der Grundidee nach des Komponisten Auskunft, dass Don Quixote über der Lektüre von Ritterbüchern seinen Verstand verliert. Mehta ließ die Instrumente Themen und Motive spielen, die, kaum feste Gestalten annehmend, ganz beziehungslos in einem Klang-Raum stehen. Harmonische Fehltritte sollen die Hörer irritieren, gedankliche Abschweifungen ins Nirgendwo führen. Dass die Berliner Philharmoniker ein Ensemble aus vielen Solisten ist, wurde selten so passend für die Umsetzung der poetischen Idee einer Komposition nutzbar gemacht wie hier. In den folgenden zehn Variationen wurde in Blechbläser-Clustern der Kampf mit den Windmühlen und der Hammelherde hörbar gemacht und die Windmaschine trug den Ritter in die Lüfte. Das war alles großes Klangkino. Doch wirklich groß wurde diese Aufführung, weil Don Quixote, musikalisiert durch den vorzüglichen Ludwig Quandt, Erster Solocellist des Orchesters, diesen Orchesterfluten als einsamer Solist gedankenversunken seine Monologe entgegensetzte und sich auch von Amihai Grosz, dem Solobratschisten der Philharmoniker, und hier als Sancho Panza im Einsatz, darin nicht beirren ließ. Unter Paukenschlägen legte Don Quixote schließlich die Waffen nieder. Das Englischhorn eröffnete ihm die arkadische Hirtenwelt. Augenzwinkernd beschloss das Orchester diese große musikalische Erzählung.

Zubin Mehta © Monika Rittershaus
Zubin Mehta
© Monika Rittershaus

Beethovens „Eroica“ stellt ganz andere Anforderungen an die Aufführenden und die Hörer. Seit jeher wird der Kopfsatz als Inbegriff einer Komposition bewundert, die der „Einheit der mannigfaltigen Erkenntnisse unter einer Idee“ verpflichtet ist. Ich habe diese Symphonie vor sieben Jahren unter Haitink mit den Berlinern gehört; eine Sternstunde, an die so schnell keine Aufführung dieses Werkes heranreicht. Wahrscheinlich ist es ungerecht, solche Vergleiche zu ziehen, doch ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass zumindest die ersten drei Sätze etwas routiniert und altbacken musiziert wurden: sehr langsam genommen und im Orchesterklang nicht recht austariert. Vor allem aber wurde über die Marksteine der Form, etwa den Reprisenbeginn und den Anfang der Coda, doch allzu leichtfertig hinweg musiziert. So aber – und das ist mein eigentlicher Einwand – konnte das rätselhafte Hauptthema am Ende des Satzes, wo es all seiner Komplikationen entledigt ist, nicht als Ziel einer Entwicklung hervortreten. Erstaunlicherweise gelang es im Finale wesentlich überzeugender, eine Entwicklung zu gestalten. Das Passacaglia-Thema im Bass wurde zu Recht als gekünstelt und gelehrt vorgestellt, wohingegen das Kontertanz-Thema im vollen Orchester in seiner „edlen Einfalt“ blühen durfte. Ganz am Ende, nach vielen, auch zweifelnden Variationen, trat das Kontertanz-Thema dann, in augmentierter Gestalt, wie ein Bläserhymnus, im Bass hervor und setzte sich so schließlich an die Stelle des Passacaglia-Themas. Hier wurde das Publikum nun Zeuge eines Prozesses, den sie im Kopfsatz durch die eigene Phantasie noch zu ergänzen hatte.

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