Das Concertgebouw-Orchester Amsterdam ist nicht nur das bedeutendste Symphonieorchester der Niederlande, sondern zählt auch zu den renommiertesten Orchestern weltweit, das sich nicht nur durch seine zahlreichen Aufnahmen, sondern auch seinen einzigartigen Klang einen Namen gemacht hat. An diesem Abend im BOZAR war neben Dvořáks Klavierkonzert in g-Moll noch Bartóks einzige Oper Herzog Blaubarts Burg zu hören. Die Aufführung konzertanter Opern des Concertgebouw-Orchesters zählt zu einer seltenen Besonderheit und machte diesen Abend zu einem spannenden Höhepunkt der Saison.

Daniel Harding © Julian Hargreaves
Daniel Harding
© Julian Hargreaves

Dvořák richtete sich mit der Komposition seines Klavierkonzerts gegen den damaligen Zeitgeist, da er das Klavier bewusst nicht als dominierendes Instrument, sondern gegenüber dem Orchester als gleichberechtigter Partner, einsetzte. Trotz dieses Umstands bestand kein Mangel an Virtuosität und technischer Raffinessen – vielmehr wurde dem Stück oft nachgesagt, es sei „für zwei rechte Hände geschrieben“ und dementsprechend schwer spielbar. Später erfolgten Änderungen des Klavierparts, um das Instrument hervorzuheben und das Stück leichter spielbar zu machen. An diesem Abend wurde jedoch Dvořáks Originalversion aufgeführt.

Am Klavier saß der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard. Er ist derzeit Artist in Residence beim Concertgebouw-Orchester und hat Dvořáks Klavierkonzert bereits mit Harnoncourt und dem Orchester aufgenommen. Aimards Spiel war eindringlich und stimulierend. Er verlieh dem Stück seinen ganz eigenen Duktus, der nicht nur hörbar, sondern auch deutlich zu sehen war. Durch lautes Atmen und ungewöhnliche Bewegungen, fast schon ins groteske abdriftend, lenkte er leider von seinem virtuosen Klavierspiel ab. Sein Anschlag blieb jedoch betont determiniert und er meisterte die nahtlosen Übergänge zwischen den Orchester- und Solopassagen, ohne dabei die gleichberechtigte Stellung des Orchesters außer Acht zu lassen.

Das Orchester ging von Anfang an in die Vollen und beeindruckte mit einer überwältigenden und stürmischen Interpretation, blieb dabei aber stets kontrolliert. Bereits in den ersten tutti-Passagen des ersten Satzes (Allegro agitato) überzeugten Daniel Harding und sein Orchester mit einem brillanten Klang. Aimards intimes Klavierspiel in den Solopartien schaffte einen spannenden Kontrast zum aufbrausenden Klang des Orchesters. Die perfekt intonierten und eine Einheit bildenden Streicher stachen besonders positiv hervor.

Der zweite Teil mit der konzertanten Aufführung von Herzog Blaubarts Burg bildete einen bewussten Gegensatz zum romantisch-melodischen Klavierkonzert Dvořáks. Die Oper, die weder Chor- noch Ballettszenen und nur zwei Sänger beinhaltet, besticht durch ein sehr großes Orchester mit reichen und abwechslungsreichen Farben. Béla Bartóks einzige Oper wird auch noch 100 Jahre nach seiner Uraufführung als musikalisches Meisterwerk und Paradebeispiel für die ungarische Oper des frühen 20. Jahrhunderts angesehen.

Dirigent Daniel Harding machte die konzertante Aufführung der Oper zum absoluten Unterstatement. Er wusste die musikalischen Feinheiten der Oper geschickt herauszuarbeiten und pointiert zu gestalten. Einige Instrumente hob er immer wieder hervor – beispielsweise mit den betont spielerischen Klarinetten oder donnernden Kontrabässen. Das Orchester trumpfte durch seinen bedrohlich wabernden Klang und die spannungsvoll variierten Tempi auf. Harding ließ sich für einige Passagen besonders Zeit, legte an passenden Stellen Generalpausen ein, um Nachdruck zu verleihen. Der ohnehin schon musikalisch faszinierende Höhepunkt der Oper ist das Öffnen der fünften Tür, die dank des Orchesters zu einer wahren Offenbarung wird und von zusätzlichen, auf dem Rang platzierten Trompeten nochmals verstärkt wurde. Immer tiefer wurde der Zuhörer in den Mahlstrom Bartóks ebenso fesselnder wie düsterer Musik gezogen und drang mit dem Öffnen jeder weiteren Tür tiefer in die Abgründe von Blaubarts Seele und ins Mysterium seines Unterbewusstseins.

Die russische Mezzosopranistin Elena Zhidkova verkörperte Judith mit kühler Zurückhaltung, aber immer wieder mit leidenschaftlichen Ausbrüchen. Vom ersten Ton war man von ihrer messerscharfen, verführerischen Stimme in den Bann gezogen. Gabor Bretz, ein ungarischer Bass mit fesselnd bedrohlicher Stimme ist ihr damit nicht nur ein ebenbürtiges Gegenüber, sondern auch eine Idealbesetzung für diese Rolle.

Daniel Harding stellte mit der Aufführung einmal mehr unter Beweis, dass diese Oper keiner Inszenierung bedarf. Vielmehr werden innerste Seelenzustände und insgeheime Wünsche mit der Musik ausgesprochen. Bartóks Oper ist so expressiv und lautmalerisch, dass alles, was sich abspielt, vor dem inneren Auge des Zuschauers durch das Orchester sichtbar gemacht wird.

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