Das Berliner Musikfest bildet jedes Jahr den Auftakt in die Berliner Konzertsaison und zeichnet sich durch ein vielfältiges und abwechslungsreiches Programm aus, das nicht nur große Werke der symphonischen Konzertliteratur und der Oper, sondern auch seltener gespielte Stücke und ungewöhnliche Interpretationsansätze auf die Berliner Bühnen bringt. Zwar ist das Requiem von Antonín Dvořák wahrlich kein vergessenes Meisterstück, aber es steht doch in der Häufigkeit der Aufführungen deutlich hinter den Requien von Mozart und Brahms zurück. Wohl auch zurecht, denn in seiner kompositorischen Güte reicht es nicht an diese heran. Gleichwohl ist auch das Requiem von Dvořák erfüllt von feierlicher Pracht, aber auch von der tief empfundenen Ich-Bezogenheit der Reflektion über den Tod.

Philippe Herreweghe © Michiel Hendrickx
Philippe Herreweghe
© Michiel Hendrickx

Gleich zu Beginn des ersten Satzes, dem Requiem aeternam, wurde deutlich: Der Abend sollte vor allem ein Chorfest erster Güte werden. Das Collegium Vocale Gent klang schlicht umwerfend, kompakt und klar, elastisch und transparent, rund und zerbrechlich. Und das stets höchstkonzentriert und bestens vorbereitet. An dieser Stelle sei folglich auch Benjamin Bayl lobend erwähnt, der das Stück offenbar mit größter Sorgfalt einstudiert hat. Im anschließenden Graduale und auch ihren weiteren Solopartien zeigte Julia Kleiter, warum sie eine gefragte Oratorien-, Lied- und Konzertsopranistin ist. Kleiter verfügt über eine weiche Belcanto-Stimme, die sie schlank und präzise in Diktion und Phrasierung mit einer Strahlkraft versieht, die den Hauptsaal der Berliner Philharmonie scheinbar mühelos ausfüllte. Sodann ein zornig-fauchendes Dies irae, in dem der zumeist eher unscheinbare und teilweise etwas unpräzise schlagende Kapellmeister Philippe Herreweghe verstehen machte, warum ihm dennoch eine überzeugende Deutung des Requiems von Dvořák gelang. Er verfügt über einen Gestaltungswillen und eine interpretatorische Autorität, die sich zwanglos auf die Musiker überträgt. Nicht umsonst gilt Herreweghe als einer der wichtigsten Pioniere der historisch informierten Aufführungspraxis und hat neben vielen weiteren namhaften Spezialisten-Ensembles auch das Collegium Vocale Gent aus der Taufe gehoben.

Beim sanften Beginn des Quid sum miser fiel wie auch im weiteren Konzertverlauf die engagierte und klangschöne Holzbläser-Sektion des Konzerthausorchesters Berlin auf. Besonders die Flöten bildeten ein ums andere Mal sensibel und fein abgestimmt den klanglichen Kitt zwischen dem Chor, dem weichem slawischen Streicherklang und den obertonreichen Gesangssolisten. Diese brillierten dann besonders nach der Pause im Teil II des Requiems, und auch die Männersolisten liefen zur Höchstform auf. Krešimir Stražanac, der kroatische Bassbariton mit seinem metallischen Timbre, steht am Beginn einer vielversprechenden Karriere und konnte unter anderem im Hostias seinen wuchtigen Bassbariton in den Zuhörerraum tragen. Im Hostias wurde auch Sophie Harmsen (Mezzosopran), die anfangs eher unauffällig blieb, immer präsenter und spielte besonders in den Quartettpassagen ihr differenziertes kammermusikalisches Feingefühl aus. Die Konzertmeisterin des Abends, Sayako Kusaka, fiel ebenfalls durch ihre überzeugenden Soli auf.

Sanctus und Benedictus gerieten zum Ohrenschmaus der schönen Stimmen und besonders feinfühlig und strahlend schön sang Maximilian Schmitt, der junge aufstrebende Tenor, den man schon im Münchner Opernstudio kennenlernen durfte. Im Pie Jesu und anschließenden Agnus Dei stellten dann alle Musiker noch einmal eindrucksvoll unter Beweis, welch dichte Sinneserfahrung intensive Vorbereitung und spontane kreative Schaffenskraft in wenige Minuten Lebenszeit zu legen vermag.

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