Als im Sommer 2020 viele Klassik- und Opernfestspiele ihr Programm coronabedingt absagen mussten, trotzten die Salzburger Festspiele der Pandemie und legten als einer der ersten großen Veranstalter ein Hygienekonzept vor, um die Festspiele dennoch stattfinden lassen zu können. Es war schließlich ein wichtiges Jubiläumsjahr, denn das 1920 u.a. von Max Reinhardt gegründete Festival feierte sein hundertjähriges Bestehen. Für diesen so besonderen Anlass wartete man mit einer Neuinszenierung von Richard Strauss Elektra auf – einer der ersten Opernpremieren nach dem Lockdown. Bereits während der Premierenserie ernteten Orchester, Dirigent und Sänger*innenensemble geradezu überschlagende Kritiken. Und auch dieses Jahr bei der Wiederaufnahme konnte man an den Erfolg dank der weitestgehend gleichgebliebenen Besetzung wieder anknüpfen – oder vielleicht sogar weiter über sich hinauswachsen?

Elektra
© Bernd Uhlig | Salzburger Festspiele

Der antike Sagenstoff Elektras scheint geradezu prädestiniert für die in den Felsen gehauene Bühne der Felsenreitschule. Mit den Arkaden, die zwar geschlossen wurden, aber dennoch andeutend sichtbar sind, werden Assoziationen zu den Amphitheatern der griechischen Antike geweckt.

Die Inszenierung Krzysztof Warlikowskis, die die volle Breite der großen Bühne der Felsenreitschule ausnutzt, ist eindrucksvoll und das Regieteam verarbeitete für Bühne und Kostüm allerlei spezielle Materialien, wie glatte, spiegelnde Oberflächen, Satinkostüme, schweren Schmuck etc. und ergänzte dies durch großflächige Videoprojektionen. Trotz überbordender Ästhetik ist der Kern dieser Produktion schwer zu fassen und zu deuten, sie zieht aber dank ihrer archaischen Personenzeichnung auf unergründliche Weise in ihren Bann.

Aušrinė Stundytė (Elektra) und Tanja Ariane Baumgartner (Klytämnestra)
© Bernd Uhlig | Salzburger Festspiele

Dies mag vielleicht nicht zuletzt an der Besetzung der drei weiblichen Hauptrollen liegen, denn mit ihnen bekam man auch in diesem Jahr wieder absolute Weltklassesängerinnen zu sehen und hören. Die litauische Sopranistin Aušrinė Stundytė ist bekannt für interessante, fernab des gängigeren Opernrepertoire angesiedelte Rollen, wie Renata in Der feurige Engel, die Titelrolle in Das Wunder der Heliane oder bald als Jeanne des Anges in der Münchner Produktion von Die Teufel von Loudun, die nächstes Jahr Premiere feiern wird. Sie ist eine Ausnahmesängerin, die auch bei Elektra über eine markante, düstere, gar einschüchternde Präsenz verfügt und sich so dieser Rolle gänzlich einverleibt. Hoch expressiv war die szenische Ausgestaltung einer zutiefst traumatisierten junge Frau, die nur noch vom Gedanken an Rache über den Tod ihres Vaters gelenkt wird. Und auch stimmlich war es eine einzigartige Gestaltung mit fester, besonders in den tieferen Tönen wirkmächtiger Ausgestaltung.

Aušrinė Stundytė (Elektra)
© Bernd Uhlig | Salzburger Festspiele

Asmik Grigorian bot kontrastierend dazu eine Chrysothemis an, die zwar ebenso in Vergangenheit und Gegenwart ihrer Familie festsitzt, aber noch Hoffnung in der Flucht in ein neues Leben sieht. Grigorian, der ein charaktervoller Gesang wichtiger als ihre Diktion war, sang sich in schwindelerregende Höhen. Mit ihrer klaren, mühevoll alle hohen Spitzentöne erreichenden Sopranstimme verschaffte sie dem Publikum so manchen Gänsehautmoment.

Tanja Ariane Baumgartner (Klytämnestra)
© Bernd Uhlig | Salzburger Festspiele

Mit dagegen einwandfreier Textgestaltung wartete Tanja Ariane Baumgartner in zu einer ihrer Paraderollen avancierten Charaktere, Klytämnestra, auf. Mit bis in die letzten Reihen vordringender Bühnenpräsenz stellte sie die Gattenmörderin ebenso gnadenlos hasserfüllt wie wahnsinnig verzweifelt dar, ohne jedoch zu überzeichnen oder gar zu karikieren. Ihre voluminöse, distinguierte Mezzostimme erklang vollendet und variationsreich. Und auch der einleitende, der Oper durch Warlikowski vorangestellte Monolog  Klytämnestras, der die Vorgeschichte Elektras illustriert, trug sie mit schauspielerfahrenem Ausdruck vor.

Aušrinė Stundytė (Elektra) und Christopher Maltman (Orest)
© Bernd Uhlig | Salzburger Festspiele

Dem kurzen Auftritt des Orests vermochte Christopher Maltman Momentum zu verschaffen, denn mit seiner sonoren Baritonstimme mit angenehmen Vibrato war er der einzige „Neuling“ der sonst komplett gleichgebliebenen Besetzung.

Was Franz Welser-Möst und die Musiker*innen der Wiener Philharmoniker an diesem Abend leisteten war wahrlich beeindruckend. Dirigent und Orchester musizierten so überragend, diese Virtuosität wirkte fast angeberisch. Und tatsächlich folgte das Orchester den Einsätzen und Anweisungen Welser-Mösts nicht, sondern antizipierte diese geradezu. Von leiseren Passagen bis hin zu schallenden Orchestertutti – die Übergange waren so elegant fließend, dass sie ganz natürlich und organisch wirkten. Welser-Möst schien sich noch intensiver mit der Elektra-Partitur beschäftigt zu haben, denn so intensiv, faszinierend und geradezu genial war deren Ausführung. Seine Dirigat wurde zur Tour de Force – besonders in den instrumentalen Zwischenspielen peitschte er durch die Partitur, ohne jedoch vollkommene Virtuosität und differenzierte Interpretation einzubüßen. Die Wiener Philharmoniker haben unter der Leitung Franz Welser-Mösts bewiesen, dass sie zu den besten Orchestern weltweit gehören. 

Aušrinė Stundytė (Elektra) und Tanja Ariane Baumgartner (Klytämnestra)
© Bernd Uhlig | Salzburger Festspiele

Mit dieser Produktion haben die Salzburger Festspiele erneut gezeigt, dass sie Synonym für musikalische Exzellenz sind. Franz Welser-Möst, der in den letzten beiden Jahren fester Bestandteil war, wird sich auch hoffentlich in den kommenden Jahren wieder die Ehre in der Felsenreitschule geben und dem Festival zu einigen musikalischen Glanzstunden verhelfen, über die so mancher Festspielgast noch lange schwärmen wird.

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