Daniel Barenboim ist in letzter Zeit in eine öffentliche Kritik geraten, die, wie dies leicht in der Presse geschieht, spätestens dann zur Polemik geriet, als seine Vertragsverlängerung bei der Staatskapelle zum falschen Signal erklärt wurde. Was hinter den Kulissen passierte, kann und will ich nicht beurteilen, aber Barenboim und die Staatskapelle sind ein wunderbares Team und beschenken die Berliner weiterhin mit ihren Aufführungen.

Elīna Garanča © Holger Hage
Elīna Garanča
© Holger Hage

Mit Schumanns Es-Dur-Symphonie erklang ein Werk, das für gewöhnlich ein Konzert abschließt. Sie beginnt mit einem Thema, das zu Schumanns großen symphonischen Erfindungen gehört. Barenboim akzentuierte das für das ganze Werk bedeutende Signal der Quarte zu Beginn und hob die synkopische Überbindung zum erhaben-großen 3/2-Takt heraus. So gelang es ihm und dem auf jede Geste exakt reagierenden Orchester, diese Eröffnungsfanfare mit ihrer Strahlkraft sich auf das ganze Werk ausbreiten zu lassen. Bei der Steigerung hoben die vier Hörner die Imitationen des Themas so grandios hervor wie dies wohl selten so sinnfällig zu hören ist. Barenboim gliederte den Satz, indem er das Tempo hier anzog dort zurücknahm. Das ist bestes Furtwängler-Erbe. Barenboim weiß, wie sein großes Vorbild, um die „verlorengegangenen Selbstverständlichkeiten“ alles Nicht-Notierten und das Umsetzen dieses Wissens hob diese Interpretation über eine am Notentext klebende Aufführung heraus.

Nach dem Aufbruchspathos des Eröffnungssatzes verlangsamte Barenboim das Tempo von Satz zu Satz, um im Finale dann wieder zum Grundschlag des Kopfsatzes zurückzukehren. Die nächsten beiden Sätze sind leichteren Gewichts, wurden aber keineswegs nur durchgespielt. Dem in es-Moll stehenden langsamen Satz legte Barenboim als Gravitationspunkt der ganzen Symphonie fest. Die Blechbläser breiteten ihr Thema aus, wobei die Posaunen nicht so sicher wie die Hörner spielten. Schließlich markierten Bläserrufe am Ende im Maestoso das Zeichen zum Aufbruch und wiesen auf den Durchbruch im Finale voraus, das .Barenboim zunächst zurecht wie einen Kehraus dirigierte. Doch wenn er am Durchführungsende dreimal die im vierten Satz vorbereitete Fanfare als Dreiklangsbrechung regelrecht hervorschießen und die Quarten des vierten Satzes im lebhaften Tempo auftrumpfen ließ, dann wurden die Fäden der letzten beiden Sätze überzeugend zusammengezogen.

Die lettische Mezzosopranistin Elīna Garanča, die in den letzten Wochen als Dalila an der Staatsoper zu glänzen wusste, betrat für Edward Elgars Sea Pictures das Podium, dessen in Berlin bis heute vernachlässigte Werke Barenboim seit seinem Amtsantritt mit großer Hingabe dirigiert. Die in dieser musikalischen Szene vertonten Gedichte sind dramatische Monologe, so dass die von den Farben des Orchesters mal leuchtend und funkelnd, mal glänzend und schimmernd, dann rauschend und tosend begleitete Sängerin ganz dem Wunsch des Komponisten entsprechend doch einsam und isoliert in ihrem wunderschön dunkel-erdig getönten Gesang blieb. In Sea Slumber Song glitten die Wellen der geteilten Streicher, Harfen-Glissandi und Holzbläser über Kieselsteine.

Zum Abschluss des Konzert erklang Debussys La mer, das in Berlin wohl bald Barenboim zugeschrieben werden dürfte so wie einst die Alpensinfonie Herbert von Karajan. Barenboim dirigierte das Werk in den letzten drei Jahren häufig und ließ es so zu einer seiner Glanznummern werden. Seine so analytische wie präzise Auffassung und Ausführung dieses Meisterwerks aus Debussys drei symphonischen Skizzen ist kein bloß raffiniert instrumentiertes Klanggemälde, sondern ein sorgfältig komponiertes Stück aus eingangs vorbereiteten, später weiterkomponierten und schließlich zur Apotheose gebrachten Themen und Motiven.

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