Die Konzerte des Gürzenich-Orchesters Köln stehen im künstlerisch vollumfänglichen Layout der Prägnanz allesamt unter Ein-Wort-Überschriften, die eine Assoziation der Werke im jeweilig zusammengestellten Programm aufgreifen oder schlagwortartig zu subsumieren versuchen. Beim für die festliche Saisoneröffnung mit Kapellmeister François-Xavier Roth gewählten Titel „Vision“ mit Elgar, Schubert und der lange angekündigten – verwunderlich nun trotz vorherigen Auftretens großbesetzter Orchester wegen unpraktikabel einzuhaltender Bühnenabstände in der Philharmonie aber doch ungespielten – Ouverture philharmonique von Éric Montalbetti lagen die Zuschreibungen dabei auf der Hand: eine bestimmungsgemäße, mitunter dringend benötigte Neukomposition einer Konzerteinleitung.

Sol Gabetta
© Holger Talinski

Obwohl die Uraufführung also fehlte, wohnte dem von Elgar quasi als Vermächtnis hinterlassenen Cellokonzert durch die herausgehobene Frische und Kontrastfülle sowie ungeahnt faszinierend-elegante, effekt- und affektreiche Überleitungen dennoch der Hauch des Neubeginns inne. Zudem war der Anfang durch Sol Gabetta und dem Gürzenich-Orchester genau von dem charakterisiert, was man bei oder nach dem Durchleben bitterer Momente herbeisehnt, in der dieszeitig sowohl der geneigte Konzertgänger als auch die Künstlerinnen und Künstler dem Bedürfnis nach Kultur, Austausch, Zusammenkommen, Beruf und freizeitlicher Ablenkung durch die Pandemie gar nicht bis schwerlich nachkommen konnten: Einfühlsamkeit und daher seelische Dankbarkeit. Außerdem vermochten die nicht vordergründig übertriebene, sondern eben natürlich ansteckend enthusiastische Solistin und ihre Begleiter, in der Elgar'schen Trias von Würde, Weltschmerz und mitunter pompöser Schönheit sowie dem unschlagbaren Doppel aus klarer Melodik und Eingängigkeit als balancierte Schicksalsgemeinschaft zu erscheinen.

Ob Triumph und Tragik in den Orchestralen hochgefahren, die phrasierte Bewegung, die Dynamik, Gabettas Läufe, Pizzicato-Abstufungen und Delikatesse oder Roths gerne griffig-packend und knackig zur Sprache gebrachten Kehrseiten, ein jeder farbverlaufender und interpretatorischer Aspekt ging zielsicher zu Herzen. Besonders herauszuheben ist darunter das Adagio, in dem man tatsächlich für den Moment die Zeit vergessen konnte, ja musste.

François-Xavier Roth
© Holger Talinski

Die Zeit von Schuberts Achter Symphonie verging bei Roths hervorragend zügiger Tempowahl dagegen nicht nur wie im Fluge, sie beeinflusst in der historischen Komponente normalerweise auch die Wahl der Instrumente bei dessen Konzerten mit dem Orchester. Und damit den Rückgriff auf die Nachbauten von Naturtrompeten und Barockposaunen, zudem auf gewisse (moderne) Paukenmodelle, vor allem dabei aber die Schlägel. Nicht so diesmal, als die eine tragende Rolle einnehmenden Posaunen und ihre Blechpartner der Trompeten modern gehalten blieben und die zu ummantelt-dumpfen Schlägel nicht sonderlich in das transparente und auf körnige Theatralik gerichtete, ansonsten gewohnt explizit historisch-abgestimmte Klangbild passten. Zwar beraubte sich Roth somit eines geschätzten Markenzeichens und vorhandener Möglichkeiten, trotzdem rissen Fluss, Akzente, Artikulationen und sonore Basstiefe derart mit, dass Schuberts Tragik, nicht noch mehr Symphonien geschrieben haben zu können, so offensichtlich wurde wie der unhaltbare Wunsch nach dem blühenden Leben.

Berauschten im Einzelnen insbesondere interessant phrasierte Kopfsatz-Stretta und kämpferisch alle Ungewissheit abstreifendes Finale, vermutete man beim reizend attentativen, abseits liedlich-leidlicher Gemütlichkeit vorgesetzten Andante con moto bis zum generalpauslichen Einschnitt zum sanfteren Schmerzimpuls die Vorwegnahme des Scherzos. Dieses selbst war schließlich mit köstlichen Celli und Holzbläsern im Beethovianisch-romantischen Usus mächtigeren Tanzes und Feuers als frohlockender, überwältigender Drang zu Hoffnung und Überwindung ausgestaltet. Vision demnach und im Konzert gespürte Realität.

****1