Liebhaber der Übertragung der „Last Night of the Proms“ aus der Londoner Royal Albert Hall im deutschen NDR-Fernsehen kennen ihn längst: mit seinem lebendig-verwegenen „Vorprogramm“ publikumswirksamer Orchester-Highlights im Kuppelsaal Hannover hat Andrew Manze, mit gewinnender Ausstrahlung sowie selbstsicherer Dirigierpose, die Herzen seiner Fans weit über die NDR-Radiophilharmonie hinaus erobert. Als Konzertmeister des Amsterdam Baroque Orchestras war er international ins Rampenlicht getreten, bald folgten Berufungen zur Leitung unterschiedlicher Orchester, wobei er in der berühmten Proms-Konzertreihe mit der Royal Liverpool Philharmonie mehrere Symphonien von Ralph Vaughan Williams aufführte. Eine davon, die düster-kontemplative Sechste, hat Manze nun mit den Bamberger Symphonikern für den Konzertabend im neubarocken Stadttheater Fürth einstudiert.

Andreas Brantelid © Marios Taramides
Andreas Brantelid
© Marios Taramides

Dabei hat die Eröffnung des ansonsten englischen Konzerts manchen Hörer doch eher erschreckt, kam Bachs Fantasie und Fuge in c-moll im Orchestergewand von Edward Elgar ganz ungewöhnlich daher. Elgar kleidete 1921 die Einleitung des Bachschen Orgelwerks in dichten Streicherklang, dem die folgenden Einwürfe der Blechbläser Schwermut und Nachdenklichkeit verleihen – Ausdruck der trauernden Grundstimmung von Elgar nach Kriegswirren und dem Verlust seiner Gattin. Elgar hatte mit seinem Freund Richard Strauss die moderne Arrangierung von Bachs Orgelstücken für ein Festival in Gloucester verabredet. Nachdem dieser nicht lieferte, beendete Elgar das Werk in seinem Sinn, indem er einen prachtvollen Schluss anschloss, der an seine Enigma-Variationen denken lässt. Manze gab den Bambergern viel Raum, die tragische Stimmung wie in breiten Pinselstrichen auszudeuten. In der abschließenden Fuge breiteten sie brillante Klangfarben im Theater aus, dessen Bühne für ein solch mächtiges Finale fast zu klein erschien: zwei Harfen, Glockenspiel, Trommel, Tambourin und Becken vergrößerten virtuos die Klangpalette des Orchesters und ließen einen Klangrausch wie bei den Pomp and Circumstance-Märschen entstehen.

Auch das 1919 von Edward Elgar fertiggestellte Cellokonzert in e-moll stammt aus dieser äußerst depressiven Zeit. Wegen der traumatische Erfahrungen wird das Konzert oft nur als wehmütig und Ausdruck tiefer Wunden eines empfindsamen Künstlers angesehen. Bereits die rezitativartige Einleitung des Solocellos und der Orchestereinsatz, wenn zunächst die Bratschen das Moderato-Hauptthema einer einzigen rhythmischen Zelle im 9/8-Takt intonieren, zeigten aber, dass Manze andere Dimensionen aufzeigen würde: in einer tiefernsten, aber nie larmoyanten Darstellung, in der die Klarheit der Linienführung beeindruckte und die leisen Töne den Atem raubten. Da war er sich mit dem 1987 geborenen, schwedisch-dänischen Cellisten Andreas Brantelid einig, der bereits mit 14 Jahren sein Debüt beim Royal Danish Orchestra mit Elgars Cellokonzert gegeben hatte. Im Wechsel von magisch strömender emotionaler Melodie, schnellen Kantilenen auf der hohen a-Saite und virtuos gezupften Appoggiatur-Motiven gelang Brantelid eine glutvolle Klangfülle, die nie nur pathetisch oder klebrig wirkte. Die Bamberger bereiteten diesem permanenten Dialog ein wahrlich weiches Streicherpolster, auf dem auch die Bläser solistisch ihre Funken versprühen konnten. Geradezu traumwandlerisch sicher im langen Schluss-Allegro das große Diminuendo von Cello und Orchester, wo Trauer und Zärtlichkeit immer stärker begreifbar wurden.

Ralph Vaughan Williams hatte seinen frühen Symphonien Namen gegeben, die wie „London“ oder „Pastorale“ eine thematische Einordnung gestatteten. Seine Sechste Symphonie trägt jedoch keinen Titel. 1947 vollendet, schien es, der Komponist habe düstere Erinnerungen an gesellschaftliche und politische Situationen reflektieren wollen. Schon die dramatische Einstiegsfigur der Streicher im pulsierenden Allegro, deren ansteigendes Motiv die Blechbläser offensiv und synkopisch übernehmen, könnte diese Einschätzung bestätigen. Andrew Manze zeigte mit den Bamberger Symphonikern, dass er tiefer in die emotional aufgepumpte Klangwelt schauen wollte. Gerade ruhigen und pastosen Momenten gab er viel Raum, skizzierte den Komponisten romantischer Orchesterdichtungen über Nebelland und Naturbeobachtungen. Am Ende des aufbrausenden Satzes ließ er ruhige Konzentration entstehen, in einer Jazz-Reminiszenz ebenso wie einer Filmmusik-artigen Sequenz zu einer Landreise. Düster-brütende Stimmungen ließen die Symphoniker im Moderato aufkommen, ein dreitöniges Schicksalsmotiv wurde wie ein Militärmarsch durch alle Gruppen gereicht, bis flehende Streicherkantilenen zu einer wundervoll vorgetragenen Melodie der Englischhorn-Solistin überleiteten. Aufregend inspirierte Manze das sardonische Scherzo, mit dräuenden Blechsalven und unruhigen Einwürfen von Klarinette und Saxofon über nervösem Murmeln der Streicher. Erinnerungen an Schostakowitschs ähnlich leidvollen Lebensweg und dessen Nachklang im Violinkonzert wurden wach. Ohne Zäsur schloss sich ein großer dramaturgischer Bogen im in fahlen Farben gezeichneten Pianissimo-Epilogs: vom fugenartigen Beginn aufbauend und mysteriös-ergreifend weitergesponnen von eindringlichen Soli der Flöte, der Oboe und Harfe, mit der sich am Ende die Musik geradezu immateriell in die atemlose Stille der Zuhörer auflöste.