Obwohl erst im nächsten Jahr Jubilar, steht Felix Mendelssohn Bartholdy bei Betrachtung der Spielpläne der großen europäischen Musikzentren und der Veröffentlichungen der CD-Einspielungen inmitten der Konzertsaison vielfach im Brennglas der Auseinandersetzung, so auch im Dortmunder Konzerthaus, wo sein bekanntestes Oratorium Elias erklang. Thomas Hengelbrock hatte an derselben Stelle schon mit seinem Parsifal für ein überfälliges interpretatorisches Debüt in historisch-informierter Praxis gesorgt im noch immer damit spärlich beglückten Revier. Auch mit diesem Projekt, das nach Angaben des Dirigenten seit fünfzehn Jahren auf der Wunschliste steht, sollte nun also rezeptionistisches Neuland betreten werden.

Thomas Hengelbrock mit Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble © Pascal Amos Rest
Thomas Hengelbrock mit Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble
© Pascal Amos Rest

Hatte Hengelbrock das Werk bereits beim Schleswig-Holstein Musikfestival auf herkömmlichem Instrumentarium, dafür aber mit der in Mendelssohn'scher Zeit verbreiteten Chorfest-Schar aus hunderten Sängern rekonstruiert, wählte er nun denn die kleinere, farbenprächtige Variante mit authentischem Spielhandwerk und 48 Choristen. Damit entsteht nicht nur eine frischere, lebendigere und transparentere Bewältigungsfähigkeit, sondern zudem Grundlage für eine noch dramatischer gelingende Interpretation. Und Dramatik ist das Merkmal dieses romantisch außergewöhnlichen Stückes: In dieser literarischen Erzählmixtur zur Formung eines neuen Oratoriums soll der Prophet Elias vom einigen Glauben an den Gott Israels künden, nachdem die dem Baalskult verfallenden Israeliten von einer Dürre heimgesucht worden waren.

Mit der nötigen Wucht und Stärke eröffnete Michael Nagy als Elias den Bericht, dessen gewaltige Atmosphäre die Einleitung gleich brillant einfing. Die Balthasar-Neumann-Glücksfälle der perfekten Gruppe aus aufmerkend knisternden Posaunen samt Ophikleide, scharf attackierenden Naturhörnern und vor klarer Eindringlichkeit stechenden Trompeten boten klangmächtig mit dem Holz und der mit harten Schlägeln bewaffneten, donnernden Pauke die dramatische Grundkulisse. Tosendes Flirrenden der Streicher, vor allem aufschäumende Bässe, wirbelten mit muskulärer Raserei in diesem Tohuwabohu kräftig mit. Aus der orchestralen Farbpracht mit heftigen Akkordschlägen erhob sich sodann der Chor mit der passenden, entfaltenden Vehemenz der Stimme und des Wortes, wohltuend schnell und straff.

Schon war deutlich: das ist eine überwältigende Aufführung. Zusammen mit dem fulminanten Orchester als PS-Motor, aufgeweckt, mitgehend, präzise, mit geläufigem, ja perfekten Streicherapparat und natürlich hart-spritzig aufgemotzten Bläsern sorgte der von Detlef Bratschke einstudierte Chor für zahlreiche Gänsehautmomente. Die typische Stärke der Mendelssohn'schen Naturgewaltsschilderung, der bestimmenden Effekte der Gottesstrafung, meisterte er mit berstender Energie, in dramatischen Accelerandi noch gesteigert, wofür die Baal-Szene, „Aber der Herr sieht es nicht“, oder die späteren „Er muss sterben“ und „Der Herr ging vorüber“ Paradebeispiele waren. Genauso wie wispernde Bedrohlichkeit oder die ins Mark gehenden, aufgepeitschten Fortissimi erfüllte der Chor außerdem die Choräle mit packender Kontinuität an nicht schleppender Geballtheit, zu der sich, wie im „Heilig ist Gott“, der feierliche Gestus gesellte.

Hengelbrock, Chor & Ensemble mit Genia Kühmeier, Ann Hallenberg, Lothar Odinius & Michael Nagy © Pascal Amos Rest
Hengelbrock, Chor & Ensemble mit Genia Kühmeier, Ann Hallenberg, Lothar Odinius & Michael Nagy
© Pascal Amos Rest

Außer vom legato schwebend-getragenen Chor „Wer bis an das Ende beharrt“ hatte das bei Hengelbrock aber nichts von kirchweihlicher Strenge, eingebettet in die von fließenden Übergängen bestimmte Darstellung des Oratoriums. Einzig die herrlichen solistischen, weit bekannten Choreinschübe aus Terzetten und (Doppel-)Quartetten, wofür Chormitglieder mittig ein paar Schritte hervortraten, ließen einheitlich das Lutherische (und von Mendelssohn Reminiszierende) durchblitzen. Folglich hielten sich die Stimmen, exemplarisch sei Gerlinde Sämanns feingliedriger, rein-strahlender Sopran erwähnt, in ihrem zärtlich, klar und flüssig schwingendem Vortrag an beste barocke Akzentuierung in Stile antico-Chortradition. Insgesamt bestach der Balthasar-Neumann-Chor neben Dynamik und Textverständlichkeit, die (Stimmungs- und Rollen-)Wechsel wendig nehmend, mit Ausnutzen der gesamten Artikulations- und Phrasierungspalette: durchsetzungsstark, leuchtend und direkt, zugleich auch federnd und romantisch.

Wie bereits in der Einleitung ersichtlich und dem dramatischen Duktus angemessen, präsentierte Michael Nagy einen sich laut Gehör verschaffenden Elias von emotionaler Kraft. Seinen durchdringend, tiefen und lyrischen Bariton reicherte er in Akzenten oder Längen mit einem zu Instrumentarium und Stimmung passenden, leicht raueren Schimmer an, der aber ansonsten mehrheitlich flankiert war vom vibratoreichen, rund-kernigen Timbre. Lediglich kleinere Intonationsschwierigkeiten vor allem in den (leider etwas gezogenen) Höhen trübten minimal den anspruchsvollen Titelpart, den er einnehmend in der nötigen Standfestigkeit verkörperte, entweder aufgeladen und massig oder in abklingend beruhigenden Phasen sammelnd, sanft und gediegen.

Ann Hallenberg überzeugte mit ihren für Allroundfähigkeiten prädestinierten Stimme wie gewohnt in mitfiebernder souveräner Vorzüglichkeit voller Ausdruckskraft und Variantenreichtum: dynamisch, sanft und reflektierend. Bei ihrem Auftritt als Königin im zweiten Teil sichtbar strenger und dramatischer, kehrte sie als Engel wieder gelassen zu schöner Wärme zurück. Genia Kühmeier intonierte ihre Rolle mit spürbar lyrischerem, vibratodeutlichem Sopran, der aber glücklicherweise etwas angepasst an die transparente Anforderung nie verschwommen unscharf oder gar ausladend wurde, sondern vielmehr in der Höhe und in der Intonation vortrefflich war. Lothar Odinius komplettierte das glorreiche Solistenaufgebot mit seinem überdeutlichen, mozartesken und in allen Lagen ausgeglichenen Tenor, wobei seine Expression nie zu (alt-)romantisch schweifend wurde. Ein sehr starker Obadja, der in seinen Rezitativen aufging.

Hengelbrock lieferte damit eine durchgängig spannende, stürmisch-lebhafte Erzählung, deren Ausbrüche große Spuren und Nachhall in den Gemütern der Zuhörer und der Aufführungspraxis hinterlassen haben. Bitte mehr davon!