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Leise rieselt der Schnee... Erstklassiger Eugen Onegin in Wien

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Von , 08 Mai 2017

Nach dem kollektiven Ausnahmezustand, in den angesichts der starbesetzten Tosca am Vorabend ein Großteil des Publikums verfallen war, kehrte mit Peter Iljitsch Tschaikowskis Eugen Onegin wieder der deutlich entspanntere Repertoirealltag im Haus am Ring ein. Dabei konnte diese Vorstellung, die mit einem Hausdebüt und gleich fünf Rollendebüts doch auch eine gewisse Premierenspannung bot, ebenso mit höchstem Niveau aufwarten.

Ilseyar Khayrullova (Olga)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Einziger Wermutstropfen bei jeder Aufführung des Onegin an der Wiener Staatsoper ist und bleibt für mich die Inszenierung von Falk Richter. Schnee, Schnee und nochmals Schnee, der praktisch pausenlos vom Schnürboden fällt und dazwischen ein paar Eisblöcke als Bühnenbild. Eine der ersten Assoziationen, die sich mir aufdrängen: Schönbrunner Eisbärengehege trifft Wiener Staatsoper. Optisch ist das alles in seinem kühlen Charme zwar ganz ansprechend, liefert aber wenig Interpretationsspielraum und kann im schlechtesten Fall zu belanglosem Rampensingen führen. Nicht so an diesem Abend, an dem sich das gesamte Sängerensemble mit viel Verve und Spielfreude regelrecht in die Rollen warf. 

Mika Kares (Fürst Gremin) und Olga Bezsmertna (Tatyana)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Christopher Maltman gab einen kraftstrotzenden Eugen Onegin, der zwar optisch nicht ganz der elegante Lebemann war, wie man ihn von vielen anderen Rolleninterpreten gewohnt ist, machte diesen Umstand aber schnell durch seine stimmliche Gestaltung vergessen. Schier endloses Volumen und geballte Durchschlagskraft trafen den Abend über auf differenzierte Dynamik, profunde Tiefe und samtige Höhe. Im ersten Akt noch den Gelangweilten mit herrlich strömender Stimme und Nonchalance verkörpernd, drehte Maltman immer weiter auf und steigerte sich bis hin zu feurig lodernder Intensität im dritten Akt. An seiner Seite bestach Olga Bezsmertna als gefühlsbetonte Tatjana, die ihren lyrischen Sopran mit schimmerndem Timbre zunächst noch zurückhaltend, besonders in der Briefszene aber üppig und leidenschaftlich einsetzte. Mit träumerischen piani und hörbarer Schüchternheit interpretierte sie die junge Verliebte und vollzog schließlich die Wandlung zur Fürstin Gremina nicht nur darstellerisch, sondern auch gesanglich mit eleganter Grandezza. Auch im Zusammenspiel zwischen Maltman und Bezsmertna kamen die feinen Nuancen der unmöglichen Liebe ideal zur Geltung. Darüber hinaus harmonierten die beiden Stimmen ausgezeichnet. 

Das zweite, aber nicht unbedingt glücklichere Paar des Abends war mit Pavol Breslik und Ilseyar Khayrullova ebenso wunderbar besetzt. Khayrullova verlieh der Olga die nötige Lebhaftigkeit, ohne überdreht zu wirken und stattete sie mit sattem Mezzo, rubinroten Tiefen und unforcierten Höhen aus. Zu ihrem Rollendebüt kam sie an diesem Abend zwar nur als Einspringerin, aber hoffentlich wird man sie in Zukunft noch öfter an der Wiener Staatsoper hören. Den im Grunde liebenswerten, aber irrational eifersüchtigen Dichter Lenski verkörperte Breslik konstant zwischen diesen beiden Extremen changierend und legte dabei jegliche Gefühlsregung nicht nur in die Darstellung sondern auch in die Stimme, die mit ihrem melancholischen Schmelz ideal für das slawische Repertoire ist. Sein herzergreifendes Kuda Kuda, in dem ihm schlichtweg alles perfekt gelang, war für mich klar einer der Höhepunkte der Vorstellung!

Pavol Breslik (Lensky)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Einen kurzen, aber prägnanten Auftritt konnte der Hausdebütant Mika Kares als Fürst Gremin verbuchen, der seine Arie genau auf den Punkt ablieferte und einerseits mit Wärme und Gefühl in der sonoren Stimme, andererseits mit beeindruckend klarer Tiefe seine Liebe zu Tatjana versicherte. Sämtliche Nebencharaktere waren mit guten und durchwegs rollenadäquaten Stimmen besetzt, herrlich etwa Thomas Ebensteins Triquet, der als eine Art Karl Lagerfeld-Parodie erschien oder Janina Baechles mütterlich gutmütige Filipjewna. Eine stimmige Leistung erbrachte auch der Chor, der jedoch angesichts der Inszenierung in den Massenszenen tendenziell blass blieb. 

Am Pult des Staatsopernorchesters atmete Dirigent Patrick Lange mit dem Sängerensemble regelrecht mit und trug so nicht nur sämtliche Debütanten über die Klippen ihrer jeweiligen Partien. Er begann den ersten Akt für meinen persönlichen Geschmack etwas zu flott und ohne viel Sentimentalität, konnte mit seiner Lesart dafür in den Passagen der aufgewühlten Seelenzustände durch seine zügigen Tempi überzeugen. Wirklich ideal verbanden sich Seele und Schwung dann schließlich in der Polonaise am Beginn des dritten Akts. Den Eindruck des grundsätzlich bestens disponierten Orchesters störten nur ganz selten die nicht immer ganz akurat einsetzenden Blechbläser. Einen grandiosen Abend hatten dafür die Streicher, insbesondere die Celli, die das Leiden und die Melancholie von Tschaikowskis Musik perfekt in Klang gossen. 

Ein bis in die kleinste Rolle exzellent besetzter Repertoireabend mit spannenden Debüts und höchster musikalischer Qualität: Es braucht nicht immer reine Top-Star-Besetzungen, um eine Sternstunde zu liefern! 

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Rezensierte Veranstaltung: Staatsoper, Wien, am 6 Mai 2017
Programm
Tschaikowsky, Eugen Onegin
Darsteller
Wiener Staatsoper
Patrick Lange, Dirigent
Falk Richter, Regisseur
Katrin Hoffmann, Bühnenbild
Martin Kraemer, Kostüme
Olga Bezsmertna, Tatyana
Pavol Breslik, Lensky
Christopher Maltman, Eugene Onegin
Ilseyar Khayrullova, Olga
Mika Kares, Prince Gremin
Chor der Wiener Staatsoper
Wiener Staatsopernorchester
Carsten Sander, Licht
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