Wien, Ende November: Während am Christkindlmarkt bei föhnigen 14°C Außentemperatur noch nicht wirklich winterliche Stimmung aufkommt, wähnt man sich im Haus am Ring mitten in Disneys Filmhit Die Eiskönigin. Denn die Inszenierung von Piotr Iljiitsch Tschaikowskys Oper Eugen Onegin durch Falk Richter trotzt auch in ihrer 52. Aufführung dem Klimawandel und liefert winterliche Optik mit permanent fallendem Schnee und Eisblöcken. Immerhin stört die Szenerie aber nicht gröber; welche Interpretation der Regisseur dabei im Sinn hatte, erschließt sich allerdings nach wie vor nicht ganz. Die Personenregie ist nach all den Jahren im Repertoire überdies weitgehend verschwunden, sodass für die Sänger viel Freiraum bleibt, um ihre Rollen selbst mit Ideen zu füllen. Diese Möglichkeit nutzten glücklicherweise beinahe alle an diesem Abend; darstellerisch am blassesten blieb allerdings leider ausgerechnet der titelgebende Onegin selbst.

Boris Pinkhasovich (Eugen Onegin) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Boris Pinkhasovich (Eugen Onegin)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Boris Pinkhasovich sang zwar tadellos, alle Töne – von exponierter Höhe bis hin zu profunder Tiefe – saßen und das Timbre ist angenehm karamellig, aber dennoch fehlte das gewisse Etwas; die stimmliche Gestaltung ließ (zumindest mich) völlig kalt. Nicht einmal in der Duellszene wollten sich die Emotionen einstellen, kein Fünkchen Schmerz oder Entsetzen über die Tötung des Freundes war in der Stimme zu erkennen. Hinzu kam, dass er schauspielerisch ausgesprochen zurückhaltend agierte; dieser Onegin war zu keinem Zeitpunkt der selbstbewusste Mann von Welt, der in der Gesellschaft alle Blicke auf sich zu ziehen vermag. Allerdings ist der Russe noch sehr jung und debütierte erst im vergangenen Jahr in dieser Rolle, er wird in diesen vielschichtigen Charakter bestimmt noch hineinwachsen und an Sicherheit gewinnen.

Marina Rebeka (Tatiana) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Marina Rebeka (Tatiana)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Von ihrem ersten Auftritt an präsent und selbstbewusst legte hingegen Marina Rebeka ihre Interpretation der Tatjana an. Diese Lesart mag zunächst widersprüchlich erscheinen, funktionierte allerdings ausgezeichnet, denn dass diese junge Dame trotz träumerischer Introvertiertheit über inneres Feuer verfügt, erklingt in Tschaikowskys Musik deutlich. Die lyrischen Passagen gestaltete sie mit bruchlosen Bögen und kluger Phrasierung, hier konnte die Stimme auch ihre Stärken voll ausspielen und warm glänzen. Die Briefszene beispielsweise interpretierte sie voll Emphase und mit kontinuierlicher Steigerung im emotionalen Ausdruck, während die Stimme mal sanft träumte und dann wieder energisch aufwallte. Einziges Wermutströpfchen blieb das mangelnde Volumen in der Schlussszene: hier hatte Rebeka dann etwas zu kämpfen, daher gerieten auch nicht alle Ausbrüche makellos.

Pavol Breslik (Lenski) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Pavol Breslik (Lenski)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Als Lenski macht Pavol Breslik darstellerisch stets gute Figur, stimmlich hat er jedoch schon überzeugendere Vorstellungen in Wien abgeliefert. Besonders im ersten Akt sprach die Höhe erst unter Nachdruck an und wurde oft eng. In seiner großen Arie fing er sich zwar, aber agierte weiterhin verhalten und vorsichtig, wodurch sich der schwärmerische Schmelz nie wirklich einstellte; es schien einfach nicht zu hundert Prozent sein Abend gewesen zu sein. Im Gegensatz zu ihrem Bühnenpartner hatte Margarita Gritskova als erfrischend unbeschwerte Olga mit der Höhe keine Probleme, hier strahlte ihr Mezzo farbenreich; allerdings geriet die Tiefe oft dünn und ging daher in den Orchesterklängen unter. Bei Ferruccio Furlanettos Fürst Gremin musste man schon das ein oder andere Ohr zudrücken, denn auch wenn seine Bühnenpräsenz, die Gestaltung der Rolle und die Führung der Stimme an Glanzzeiten erinnern, ist die vokale Realität nicht mehr ausreichend, um Begeisterung auszulösen. Natürlich ist der Fürst selbst nicht mehr der Jüngste, mehr stimmliche Frische hätte jedoch nicht geschadet. Rollendeckend, aber ebenso nicht unbedingt Anlass zu Euphorie gebend, waren die kleinen Rollen besetzt; auffallend präzise und klangschön präsentierte sich hingegen der Chor der Wiener Staatsoper.

Marina Rebeka (Tatiana) und Ferruccio Furlanetto (Fürst Gremin) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Marina Rebeka (Tatiana) und Ferruccio Furlanetto (Fürst Gremin)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Das für mich überzeugendste Element des Abends war jedoch ohnehin das Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Michael Güttler. Schimmernde Hörner, seelenvolle Holzbläser und die wie immer plüschig-satten Streicher füllten mit breitem Pinsel die vielen Klangschichten. Besonders schön gelang die Polonaise, in der die Musiker wie ein Dressurpferd in einer Trabverstärkung zwar ordentlich an Tempo zulegten, ohne dabei jedoch die innere Spannung oder Eleganz zu verlieren. Völlig auf das Orchester fokussiert schien der Dirigent jedoch immer wieder auf die Sänger auf der Bühne zu vergessen, überdurchschnittlich oft sah man die „Hand aus der Box” die Einsätze geben. Dass der Abend durchwegs koordiniert ablief, war daher auch zu einem nicht unwesentlichen Teil dem erfahrenen Maestro suggeritore Mario Pasquariello zu verdanken. Letztlich bleibt ein guter bis sehr guter Repertoireabend ohne große Überraschungen in Erinnerung; auf das Orchester der Wiener Staatsoper ist bei slawischen Opern eben immer Verlass.

***11