Zu ihrem 125-Jährigen Jubiläum ließen die Münchner Philharmoniker unter der Leitung ihres amtierenden Chefdirigenten Valery Gergiev das bedeutendste Konzertereignis in ihrer Geschichte wieder aufleben: Die Uraufführung der „Symphonie der Tausend” vor 108 Jahren unter der Leitung des Komponisten Gustav Mahler höchstpersönlich – ein Konzertspektakel, das aus heutiger Sicht längst legendären Charakter angenommen hat. Neben mehr als 1000 Musikern fanden sich unter den Zuhörern Künstlergrößen wie Leopold Stokowski, Siegfried Wagner und Thomas Mann.

Gerhild Romberger, Wiebke Lehmkuhl, Jacquelyn Wagner, Münchner Philharmoniker © Hans Engels
Gerhild Romberger, Wiebke Lehmkuhl, Jacquelyn Wagner, Münchner Philharmoniker
© Hans Engels

Bevor die Philharmoniker jedoch den Gasteig mit den monumentalen Mahlerklängen füllten, erwartete die Zuhörer die archaisch, trockene Polyphonie, die Igor Strawinsky in seiner Psalmensymphonie anschlägt. Hier war Gergiev in seinem Element. Konsequent puristisch führte er die vielen einzelnen Stimmen zu einem transparenten Klanggemälde zusammen – nicht selbstverständlich, bei der ungewöhnlichen Besetzung, die Strawinsky für die Aufführung fordert. Ohne Violinen, Bratschen und Klarinetten, dafür mit zwei Klavieren schnurrten die Philharmoniker durch die motorisch gewebte Struktur der Partitur.

Die Verwendung der lateinischen Psalmentexte war für Strawinsky nicht primär mit einem religiösen Statement in westlicher Kirchentradition verbunden, vielmehr ermöglichte ihm das Latein, den Text unmittelbar in die Musik einzubinden und jegliche Ausdeutung dem Zweck der Klangmalerei unterzuordnen. Diese gestrenge Form und rhythmische Prägnanz machte sich der Philharmonische Chor zu eigen, verzichtete auf jegliche Emotion und gestaltete gerade deshalb eine höchst eindrucksvolle Interpretation. So geschlossen düster und spannungsgeladen hörte man die hymnischen „Alleluia“-Rufe selten.

Nach der Pause platzte die Bühne der Philharmonie wie zu erwarten aus allen Nähten. Neben dem Philharmonischen Chor wirkten der spanische Chor Orféon Donostiarra und die Augsburger Domsingknaben an der Aufführung mit.

Gergievs Arbeit in den vergangenen Jahren ist es zu verdanken, dass die Philharmoniker zu einer neuen Selbstverständlichkeit im Zusammenspiel und in der Gestaltung von Klangfarben gefunden haben. Auch am heutigen Abend klangen die Philharmoniker dunkel und voll. Detailreich gestaltete Gergiev die instrumentalen Passagen der Symphonie, die er in teilweise kammermusikalischer Feinheit den monumentalen Chorsequenzen entgegensetzte.

Das Solistenensemble kämpfte zwar mit zwei krankheitsbedingten Ausfällen, konnte aber besonders mit den beiden Altistinnen Wiebke Lehmkuhl und Gerhild Romberger, die in München keine Unbekannten sind, überzeugen. Die Solistinnen und Solisten hatten aber vor allem dann das nachsehen, wenn Chor und Orchester übernahmen. Hier gingen sie allzu häufig schlichtweg unter.

Obwohl man Gergiev anmerkte, dass er sich intensiv mit dem Werk beschäftigt hatte, fehlte seiner Interpretation der sprühende Funke, der diese Aufführung der Achten zu etwas ganz Besonderem gemacht hätte. Zwar schlich sich der Chorus Mysticus so intim und versteckt um die Ecke wie selten, im Endeffekt fehlte Gergiev aber dann die Ruhe und die Lust am Pomp, um das Finale erstrahlen zu lassen. Zu zügig ging er über das orchestrale Nachspiel hinweg, um bloß nicht in den Verdacht zu geraten, sich dem Mahlerbombast hinzugeben. Auch wenn dies sicherlich kein schlechter Gedanke war, konnte ihm das Ergebnis unter dem Strich nicht recht geben.

Ein Spektakel boten die Münchner Philharmoniker zu ihrem Jubiläum dennoch in jedem Fall und ein wenig konnte man sich hineinversetzten in die Atmosphäre von 108 Jahren, als Mahlers Achte zum ersten Mal in München zur Aufführung kam.

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