Von Santa Fe bis Frankfurt, von Riga bis Pretoria hatten in 23 Städten weltweit Vorausscheidungen zum 18. Gesangswettbewerb Neue Stimmen der Bertelsmann Stiftung stattgefunden. Rund 1.500 Nachwuchssängerinnen und -sänger hatten sich dieses Jahr beworben, davon waren 43 Talente aus 26 Nationen während der Vorauswahl im Frühling und Sommer für die Endrunde qualifiziert. 18 von ihnen gelang der Sprung ins Semifinale. Im Finalkonzert in Gütersloh sangen nun die besten zehn Teilnehmer vor der hochkarätig besetzten Jury um Dominique Meyer, Intendant der Wiener Staatsoper, und Sophie Joyce Paterson, Leiterin des Lindemann Young Artist Development Program der Metropolitan Opera.

Finalisten Neue Stimmen 2019 © Besim Mazhiqi
Finalisten Neue Stimmen 2019
© Besim Mazhiqi

Seit vielen Jahren sind die Musiker der Duisburger Philharmonie zu Gast, um den jungen Künstlern in Semifinale und Abschlusskonzert einen edlen Klangteppich auszurollen, auf dem sie ihre sängerische Leistung unter optimalen Bedingungen zu Gehör bringen zu können. Da sie gleichzeitig als Orchester des Theaters Duisburg auftreten, spielen sie Opernmusik aus bester Vertrautheit und können mit ihrer Erfahrung schnell auf Änderungen von Interpretations-Absprachen reagieren. Das Gespür des britischen Dirigenten Jonathan Darlington, bis 2011 Chef der Duisburger Philharmoniker, für Tempi, Dramatik und den Interpretationswillen der Sänger sowie seine geradezu vibrierende Energieausstrahlung machen ihn zum idealen Begleiter in der aufregenden Situation einer Wettbewerbs-Darbietung.

Liz Mohn, Mitbegründerin des Gesangswettbewerbs und noch immer aus tiefster Überzeugung mit viel Herzblut engagierte Präsidentin von Neue Stimmen, wies zu Beginn darauf hin, dass ein solcher Wettstreit nicht nur stimmlicher Exzellenz die Bahn schafft, sondern auch lebenslangen Freundschaften und Netzwerken im Musikbetrieb Boden bereitet. Sich international beweisen zu können, sei in Zeiten boomender Social Media sowie steigender Tendenz zur Selbstvermarktung ein wichtiger Teil von Karriereplanung.

Es ist auffallend und vielleicht bezeichnend, dass sich von zehn Finalisten sechs Soprane und je zwei Tenöre und Baritone qualifiziert hatten; selbst innerhalb der 43 Endrundenteilnehmer waren nur ein Alt und drei Bassbaritone zu finden! Sängerische Karrieren sind nicht mehr nur Persönlichkeiten mitteleuropäischer oder amerikanischer Provenienz vorbehalten: bemerkenswert scheint, dass in der Endrunde auch Teilnehmer aus Albanien, Moldawien oder Südafrika zu finden waren. Und was nach insgesamt 20 Arienportraits für das begeisterungsfähige Auditorium zu konstatieren war: die durchgehend außergewöhnlich hohe stimmliche wie dramatische Begabung aller Künstlerinnen und Künstler, die – für das faszinierte Publikum ebenso wie die Jury – eine anordnende Platzierung geradewegs zur Sisyphus-Arbeit machte.

Am Ende machte bei den Männern der Chinese Long Long das Rennen, dessen einnehmende Bühnenpräsenz und sicherer Instinkt für Dramatik an der Rampe ihn zum Charming Boy auch für das Publikum gemacht hatte; seine Erscheinung wird man sich – nomen est omen! – gut merken können. Als Roméo in Gounods „Ah, lève-toi soleil“ hatte er kraftvoll und mit metallisch glänzender Tenorstimme aufgetrumpft, bei Lehárs „Dein ist mein ganzes Herz“ aus dem transkontinentalen Operettenmärchen Land des Lächelns auch tenoralen Schmelz aufleuchten lassen, dem feinzeichnende Lyrik noch etwas abging.

Es hätten sich leicht auch sechs Sängerinnen auf dem Spitzenplatz des Siegerpodests tummeln können: schließlich stand die erst 23-jährige Sopranistin Anna El-Khashem aus St. Petersburg ganz oben; wie Long Long war sie Mitglied des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper. Als Cleopatra in Händels Giulio Cesare erzählte sie koloraturreich und leuchtend lyrisch von den Stürmen des Schicksals, und mit beeindruckend tiefem Brustregister und feinfühlig gehauchten Spitzentönen in Rimski-Korsakows Wiegenlied aus Sadko berührte sie die Zuhörer.

Auch die moldawische Sopranistin Natalia Tanasii bezauberte mit der trauernden Ballade „Senza mamma“ einer wie von Entsetzen gelähmten Mutter im Angesicht ihres toten Kinds aus Puccinis Suor Angelica, mit dramatischen Spitzentönen ebenso wie ansprechender Resonanz in tiefem Bereich. Wie leidenschaftlich und wandlungsfähig sie Tschaikowskys umfangreiche Briefszene aus Eugen Onegin gestaltete, ließ ihren zweiten Platz mehr als gerechtfertigt erscheinen.

Mit der slowakischen Sopranistin Slávka Zámečníková kam eine beeindruckende lyrische Stimme auf den verdienten dritten Platz; in ihrem „Crudele!“ als Donna Anna aus Mozarts Don Giovanni leuchteten faszinierend feine Spitzentöne, pastellfarben und mit betörender Tiefe gelang ihr „Depuis le jour“ aus Gustave Charpentiers Louise.

In der Rolle des Grafen aus dem Figaro hatte sich auch der Bariton Domen Križaj aus Slowenien als Mozart-Stimme empfohlen, ausgeglichen in der Tiefe und gleichzeitig aussagekräftig auch in baritonaler Höhe ließ er das Liebesleid in Bellinis I puritani fühlbar werden. Er durfte sich den zweiten Platz teilen mit Bongani Justice Kubheka, der, von der südafrikanischen Baxter Opera Cape Town angereist, gewitzte Spielfreude mit baritonalem Schmelz in Mozarts Figaro und ungebändigtes Selbstvertrauen und ungezähmte Vitalität eines Escamillo aus Bizets Carmen verbinden konnte.

Es erschien fast als selbstverständlich, dass auch weitere Finalisten mit Sonderpreisen geehrt wurden: der aus den USA stammende Jamez McCorkle hatte im ewigen Tenorhit „Una furtiva lagrima“ aus Donizettis L'elisir d'amore eigenes zartfühlendes Profil in glanzvoller Höhe entwickelt und auch als unglücklicher José in Bizets Carmen leidende Zerrissenheit artikuliert. Den Sprung unter die ersten Drei hätte auch er verdient. Enkeleda Kamani aus Albanien begeisterte mit glutvoll und koloraturreich geführtem Sopran in Mozart und Gounod ebenso wie die Französin Hélène Carpentier in tragischen Momenten bei Bellini und Mozart überzeugte. Und noch einmal Spitzentöne aus Südafrika: neben ihrer bereits erfolgreichen Schwester Pretty empfahl sich auch Nombulelo Yende als stimmstarke Gräfin bei Mozart Figaro und Mimì in Puccinis La bohème. Gute Aussichten, dass auch viele Neue Stimmen dieses Jahrgangs 2019 an die erfolgreichen Karrieren einer Vesselina Kasarova oder Christiane Karg, von Michael Volle oder Franco Fagioli anknüpfen!


Michael Vieths Pressereise nach Gütersloh wurde bezahlt von Neue Stimmen.