Die Volksoper zelebriert in dieser Saison ihr 120-jähriges Bestehen und leistet sich zu diesem Anlass ein Werk, dessen letzte Premiere am Haus 1908 stattfand: Richard Wagners Der fliegende Holländer. Dafür engagierte man jenes Team, das schon La Wally verantwortete: Marc Piollet am Pult sowie Aron Stiehl, Frank Philipp Schlößmann und Franziska Jacobsen für Regie, Bühnenbild und Kostüme.

Markus Marquardt (Der Holländer) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Markus Marquardt (Der Holländer)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

An diesem Haus hat man ein gutes Händchen für grandiose Produktionen, etwa Axel an der Himmelstür oder Hoffmanns Erzählungen, die demnächst wieder am Spielplan stehen. Als derartiges Ausstattungsspektakel ist der Landgang von Wagners verfluchtem Seefahrer zwar kaum vorstellbar, aber so eintönig wie die aktuelle seriöse Regiearbeit braucht er auch nicht zu sein. Zum Vorspiel schlurft der Holländer grünlichem Licht entgegen – durch einen rechteckigen Tunnel, der sich bald zu einem Einheitsbühnenraum in Metalloptik weitet, und mit seinen Labyrinth-artigen Unterteilungen wohl die verborgenen Winkel der Seelen in diesem Stück symbolisieren soll. Das ist theaterpraktisch und inhaltlich nachvollziehbar, allerdings kommt das pausenlose Stück in diesem kontrastlosen Einerlei kaum in Schwung, und gut gemachte Lichtakzente helfen nur bedingt. Kein Schiff, keine Spinnräder, dafür viele Gemälde vom Meer, das nur manchmal im Hintergrund zu sehen ist. Als Bebilderung genügt das, aber große Würfe sehen anders aus. Dass dieser Abend dennoch zu einem Erfolg wurde, verdankt sich einer großartigen Besetzung unter einer ambitionierten musikalischen Leitung.

Markus Marquardt (Der Holländer) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Markus Marquardt (Der Holländer)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Stefan Cerny hat eine lackschwarze, respektgebietend große Bassstimme, und damit steht er – ohne dies je zu forcieren – immer im Mittelpunkt. Das hat aber auch seine Tücken: Wenn man als Daland den Sänger der Titelpartie in den Schatten stellt, wirkt das merkwürdig. Dabei hat man Markus Marquardt, erstmals zu Gast an der Volksoper Wien, nichts vorzuwerfen: Als gefragter Wagner-Sänger, der auch Wotan und Wanderer zu seinem Repertoire zählt, verfügt er ebenfalls über eine imposante Stimme, die er für seinen Holländer auch eloquent nutzte. Nur hin und wieder geriet ein höherer Ton etwas rau, doch passt das zu dem Seebären, der des ewigen Segelns schon müde ist. Dennoch drängte sich der Gedanke auf, dass ein Rollentausch interessant wäre: Man kann sich Marquardt gut als Daland vorstellen, der in dieser Inszenierung mehr rauer Seebär denn Kaufmann ist, und Cerny als geheimnisvollen Fremden, der Erlösung durch die Treue einer Frau sucht.

Meagan Miller (Senta) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Meagan Miller (Senta)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Oder zumindest könnte man den Holländer so sehen – denn zu dieser Figur ist weder dem Regisseur noch seiner Kostümbildnerin viel eingefallen: Wagner wollte, dass sich der Holländer bei seinem Landgang – also auf ungewohntem Terrain – langsam und schwankend bewegt, und obwohl man das nicht unbedingt wortwörtlich nehmen muss, bleibt die Fremdheit des Seefahrers doch sein bestimmendes Merkmal. Wenn man darauf nicht eingeht, ihn optisch nicht hervorhebt und gleichzeitig keine nennenswerte Personenregie betreibt, bewegt man sich schon nah an einer Themaverfehlung. Ein experimenteller Ansatz, etwa als Personifizierung von Sentas Vaterkomplex, war auch nicht auszumachen.

Martina Mikelić (Mary, Sentas Amme), Chor der Volksoper Wien © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Martina Mikelić (Mary, Sentas Amme), Chor der Volksoper Wien
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Zwar ist zeitlos-biedere Alltagskleidung der Fünfziger keine schlechte Idee, wenn man Spießertum und bürgerliche Enge zeigen will, doch hob sich Senta (Meagan Miller) in einer unvorteilhaften Rock-Blusen-Jacken-Kombination kaum von den Choristinnen ab; dabei hätte es gerade dem Einheitsbild dieser Inszenierung gutgetan, ihr Anderssein, ihr Aufbegehren und ihre Phantasie auch äußerlich hervorzuheben. Der Mangel an Aufmerksamkeit für Senta hat aber Tradition und ist kein spezieller Vorwurf an Aron Stiehl – ganz grundsätzlich würde man gern einmal eine Regiearbeit sehen, die Senta stärker in den Mittelpunkt rückt. Immerhin spiegeln sich in dieser Oper biographische Details (der sich abzeichnende Schiffbruch der Ehe mit Minna), und bekanntermaßen beschäftigte das Weibliche den Egozentriker Wagner so sehr, dass sogar seine letzten geschriebenen Worte den Frauen galten.

Umso erfreulicher ist, dass sich Meagan Miller mit einer beherzten Darstellung hervortat und auch gesanglich an die starke Leistung ihrer bereits erwähnten männlichen Kollegen anschloss. Als geradezu prototypische Wagnersängerin verfügt sie über Durchschlagskraft in der Höhe und Sinn fürs Dramatisch-Exaltierte, aber auch Gespür für den großen Bogen. Eine gute Dosis Vibrato ist auch dabei, was aber in ihrem Repertoire kein Fehler ist.

Stefan Cerny (Daland) und JunHo You (Der Steuermann Dalands) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Stefan Cerny (Daland) und JunHo You (Der Steuermann Dalands)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Tadellos auch der kroatische Tenor Tomislav Mužek, der wie Marquardt ein gelungenes Hausdebüt gab: Sein Erik war ernst, besorgt, heftig und schönstimmig zugleich. Martina Mikelić ist immer zur Stelle, wenn die Volksoper eine kraftvolle Altistin braucht; als Mary dirigierte sie statt einer Mädchenrunde am Spinnrad eine Gesangsprobe – und das mit harter Hand und Fußstampfen. Warum dem Steuermann von JunHo You vom Rest der Seemannsleute inklusive Daland übel mitgespielt wurde, erschloss sich nicht – an seiner Gesangsleistung lag es mitnichten. Ausgezeichnet auch Chor und Zusatzchor, die mit der gesanglichen Konfrontation zwischen den heimgekehrten Seefahrern und der Mannschaft des Holländer-Schiffes zweifellos den Höhepunkt des Abends lieferten.

Als Kapitän stand dem Unterfangen Marc Piollet vor, der mit dem Volksopernorchester die Klippen der Partitur bravourös umschiffte. Wo viele Dirigenten die Sänger kielholen lassen, setzte er auf Transparenz – da ging kein Wort, keine Note verloren. Ein paar Ecken und Kanten werden sich mit zunehmender Aufführungspraxis gewiss noch runden.

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