Bei der expressiven Westernoper Gunfighter Nation des Opera Lab Berlin in der Kooperation mit der Klangwerkstatt Berlin, Festival für Neue Musik, inszeniert von Michael Höppner, geht es nicht um Buffalo Bill, den legendären Cowboy aus dem 19. Jahrhundert, der die amerikanischen Ureinwohner und ihre Bürgerrechte unterstützte, es werden dabei vielmehr die dunklen Seiten des westlich-kulturellen Vandalismus nach dem Motto „Zivilisierung der Wildnis“ ins Visier genommen. Die Handlung besteht nicht aus einer Erzählung, in der es um die nominelle Solidarisierung von Indianern und weißen Siedlern – nämlich Cowboys und -girls – geht, sondern aus Mehrteilern, die alltägliche Szenen wiedergeben und die mit dem in dieser Oper laut propagierten Slogan „Good Nation of Progress“ verbunden sind.

Martin Gerke, Yuko Yanagihara, Gina May Walter, Manuel Nawri & Georg Bochow © Martin Koos | Opera Lab Berlin
Martin Gerke, Yuko Yanagihara, Gina May Walter, Manuel Nawri & Georg Bochow
© Martin Koos | Opera Lab Berlin

Eine Kellnerin, hier Tea Lady, versucht lautlos und vornehm zu bedienen, ein Ehepaar streitet über Beziehungsprobleme, ein Popstar tritt auf, ein Prediger hält feurige Reden, drei Huren zeigen ihre Verführungskünste. Das Klischee bedienend gibt es aber auch ein Revolverduell und Indianer, hier dargestellt als Siedler in der Westernwelt. In der Oper erobern die Indianer Amerika und bekommen Nachwuchs in Form einer Coca-Cola Flasche, einem ironischem Sinnbild für die heutigen Werte der „Good Nation of Progress“.

In einer konventionellen Oper müssen nur die Sänger ihre Rollen auswendig auf der Bühne darbieten, aber bei dieser Produktion kamen auch den Instrumentalisten gleiche Aufgaben zu. Die gängige Funktionsaufteilung, dass sich Sänger auf der Bühne befinden und Instrumentalisten im Orchestergraben sitzen und hauptsächlich die Gesangstimmen begleiten, gilt nicht für diese Oper. In Gunfighter Nation setzt der Komponist Evan Gardner eine radikale musikalische Gleichberechtigung auf erfreuliche Art und Weise um.Das Publikum wird von den Musikern mit einer schlichten Geräuschcollage empfangen und dann beginnt die Oper mit einer thematisch auf dem Cowboy-Song Home on the Range beruhenden Ouvertüre und entfaltet sich klanglich mit einer atonalen Tendenz. In diesem Stück überwiegt weder eine Stimme noch ein Instrument und, weil diese Produktion die Bezeichnung Oper trägt, erweitert sie den Horizont der Begrifflichkeit in dieser Gattung, indem Gesangpartien nicht unbedingt im Zentrum stehen.

Musikensemble © Martin Koos | Opera Lab Berlin
Musikensemble
© Martin Koos | Opera Lab Berlin

Trotz dieser besonderen Situation, in der Gesangstimmen stark reduziert werden, präsentierte Yuka Yanagihara mit ihrem nachdrücklichen Belcanto eindrucksvoll eine schwangere amerikanische Ureinwohnerin als mutige und selbstbewusste Siedlerin. „Ammmmm, Ammm, Ammmmm…“ stotterte Martin Gerke singend als ihr Mann, der wegen ihrer Ansiedlung in der westlichen Welt versucht, das neue Wort „Amerika“ zu lernen und dabei eifrig und tapfer artikuliert. Im Vergleich zu den Sängern werden die Instrumentalisten in dieser Opernproduktion viel mehr gefordert, denn sie mussten neben ihren Instrumentalpartien außerdem Sprech- und Liedtexte lernen und Schauspiel einstudieren. David Eggert beispielsweise lief als Prediger mit seinem Cello auf der Bühne wild umher und hielt eine glühende Rede, während er Glissandi auf dem Cello spielte, was wie eine singende Säge klang.

Ein liebes, dickes Ehepaar streitet, denn die Frau verdächtigt ihren Partner eine Affäre zu haben. Der heftige Streit des Paares, gespielt von den Schlagzeugern Evdoxia Filippou und Alexandros Giovanos, ist durch emphatisch artikulierte Schläge in stets zunehmendem Tempo vertont. Trotz der Disharmonie in der Ehe war dieses exzellente Schlagzeug-Duett im Spiel ein Herz und eine Seele. Auch wurde die Szene des Duells der Cowboys vom Tubisten Jack Adler-McKean und dem Gitarristen Matthias Koole mit ihrem einzigartigen Zusammenspiel und mit Sprechtext hervorragend umgesetzt.

Lena Haselmann, Yuko Yanagihara und Musashi Baba © Martin Koos | Opera Lab Berlin
Lena Haselmann, Yuko Yanagihara und Musashi Baba
© Martin Koos | Opera Lab Berlin

Die Performance der Künstler, die Mischung von Musizieren, Singen, Sprechen und Bewegung, schien keineswegs gezwungen und das hohe Niveau der Darbietung verriet ein intensives Einstudieren. Dies erstreckt sich auf alle Beteiligten, denn selbst für die drei Dirigenten dieser Westernoper gibt es keine Ausnahme: auch sie müssen Bühnenrollen spielen. So beeindruckte zum Beispiel Dirigent Antoine Daurat als Cowboy-Präsident Jr. im Kostüm, das an eine Mischung zwischen Sheriff und Woody aus dem Film Toy Story erinnert, nicht nur mit musikalischer Führungskraft, sondern auch mit schauspielerischem Können. Trotz der vom Dirigentenpult schwer überschaubaren Räumlichkeit gab es beim Zusammenspiel mit dem selbstständig laufenden elektronischen Player Piano exakte Einsätze und knackige, aber feine Klänge.

Immer wieder ist die Rede davon, dass die Neuen Musik in einer Sackgasse stecke. Ein Versuch, dieser Sackgasse zu entkommen, ist die Verflechtung mit anderen Genres. Zwar wurde zeitgenössische Musik schon öfter mit Bewegung kombiniert, wofür die Zusammenarbeit von Sasha Waltz mit den Produktionen Still von Rebecca Saunders, gefaltet von Mark Andre oder Matsukaze von Toshio Hosokawa als Beispiele zu nennen wären, doch die Kluft zwischen Musik und Bewegung war dabei dennoch eindeutig spürbar. Dagegen ist die progressive, in der Tat kluftlose Kombination von Musik und Aktion in der Westernoper Gunfighter Nation durch die Akzentuierung des Schauspielerischen für alle beteiligten Musiker sehr erfolgreich gelungen.