Wo sonst als im Zentrum der Oper schlechthin, in Venedig, hatte der Rasende Roland – 1516 erstmals von Ludovico Ariosti in Ferrara herausgegeben – als Vorlage für Libretti im ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhundert große Erfolge auf der Bühne gefeiert. Zwar hatte Lully 1685 mit seiner französischen Vertonung gar nochmals seine italienischen Wurzeln etwas durchblicken lassen, doch waren es vor allem Steffani, Vivaldi und Hasse, dann natürlich Händel gewesen, die den verrückt gewordenen Orlando beziehungsweise die Zauberin Alcina immer weiter in ganz Europa populär machten. Je länger Stücke aber in Fleisch und Blut übergegangen waren, so größer war das Verlangen danach, dem Bekannten einen anderen Anstrich zu verleihen und sich den Siegeszugwind der Opera buffa um die Nase wehen zu lassen.

Werner Ehrhardt mit l'arte del mondo

Ihr widmete sich Giuseppe Gazzaniga – heute immer noch vergessener Komponist, der kurz vor Mozart seinen Don Giovanni fertigte –, der Giovanni Bertati als treuen Verbündenten gewann, das neue Buch für L'Isola d'Alcina zu schreiben. 1772 feierte deren Version in Venedig Premiere und verbreitete sich abermals über die Alpen. 1773 konnte man sie so erstmals im Schlosstheater Schwetzingen hören, was die heute Verantwortlichen um die dortige Hofmusikforschung und Dirigent Werner Ehrhardt zum 250-jährigen Werkjubiläum auf den Plan rief, Gazzaniga bei den Festspielen im Frühjahr wieder aufzuführen. Um den erwartungsfreudigen Anhängern in Leverkusen die Ausgrabung live nicht vorzuenthalten, wiederholten Ehrhardt und l'arte del mondo das Unterfangen also.

Wie unter anderem schon bei Telemann, spielt die Oper in nun angekommener Zeitenwende der Aufklärung mit den figürlichen Nationen, ihren verallgemeindernd plattitüdenhaften Vorurteilen und angenommenen Eigenschaften, so dass aus den Rittern und Adligen teils aus ferner Welt in früherer Abhandlung ein komisches Zusammentreffen europäischer Mächte Bertatis und Gazzanigas damaliger Jetzt-Zeit wird. Demnach stranden ein Italiener, Franzose, Engländer und Spanier – rollenidentitär besetzt – auf Alcinas alchemistischem Atoll, zu denen nachher noch ein Deutscher stößt. Obwohl sie eigentlich nicht an den Humbug extragöttlicher und -terrestischer Kräfte glauben, schwören sie lieber mal, sich gegenüber Alcina – umgeben von ihren Adjutantinnen Lesbia und Clizia – immun zu verhalten. Doch entfaltet Alcinas zum Einstand verabreichter Zaubertrank seine Wirkung, am meisten beim Franzosen, am wenigsten noch beim gesottenen Engländer. Dann taucht der Deutsche auf, der in seiner Ernsthaftigkeit erst recht das Interesse Alcinas weckt, obwohl sie eine schlimme Vorahnung hat. Schließlich ist er es, der, nachdem vor allem der Franzose eifersüchtig wurde und sich Lesbia und Clizia aus Heimatliebe und Heimweh in den Italiener und Spanier verguckten, Alcinas Zopf abschneiden soll, um sie dadurch von ihrer Wunderkraft zu trennen – was gelingt.

Gelungen auch die abendliche, halbszenische Darbietung, was zum einen an der geballten Unterhaltungslust des Orchesters in Haydn-Sturm-und-Drang-Besetzung mit vortrefflichen, im kurzen dritten Akt jubilierend befreienden Hörnern, Oboen, quirlig-wirbelnd zirpenden, bissigen Geigen, rhythmisch hüpfend-brummenden Bratschen und Bässen sowie Massimiliano Tonis berüchtigt lebendigem Rezitativ-, Überbrückungs- und schäkerndem Barpianisten-Intermezzo-Hammerklavier lag. Zwar gab es ab und zu Auftaktunebenheiten im ersten Akt, doch fing Ehrhardts l'arte del mondo die durch Akzente, Dynamik und Tempo aufgeheizten Emotionen und die mit virtuosem Leichtgang und süffisant eingebettetem Witz versehenen Hits Gazzanigas einfach mitreißend und vor Heimspielenthusiasmus sprühend bestens ein.

Zum anderen trumpfte das Solistenesemble auf. Mit José Antonio López als Don Lopez, Enrico Iviglia als Brunoro, Kaëlig Boché als La Rose und William Wallace als James präsentierten sich die vier Zuerstangelandeten als in buffonesker Leichtigkeit aufgehendes, vokal passendes, diktions- und deklamationsimposantes Quartett, die in stilisierenden Outfits und Dialekt ihren Eid ganz schnell über selbst vormals überstürzten Bord warfen sowie die Willens- und Täuschungsschwäche dieser Herren karikierten, als sie Alcina erblickten und ihnen besagtes Freigetränk offeriert wurde. Dies und den Wettstreit zu Alcinas Gunst zur Gockelparade nehmend taten López mit stolzem, saalstürmend kräftigem, torreroprotzendem Bariton, Iviglio mit laut-forschem, zuweilen im Italotemperament zum härtlichem Schreien neigendem, aber wendigem und im getroffenen Ehrgefühl von Schokoladenseite gezeichnet auch doch noch weichem Tenor. Boché agierte als La Rose-Theatraliker, der zwiegesprächigen Amor halluzinierte, dabei mit wärmerem, hellem Geradevoraus-Tenor, während Wallace dieses klare Geradeaus mit artikulatorisch ebenso beeindruckendem Tenor auf die noch höhere Stufe hob, für die sich der steife, pragmatische, doch recordzählende Engländer hielt.

Herrlich ulkig kam Florian Götz als schwäbischelnder und laienhaft brüchig italienisch sprechender sperriger, jammernd-miesepetriger Baron Brikbrak daher, der als vermeintlich dümmlicher, allerdings den Haarschneideakt erfolgreich umsetzender Deutscher einen umso gelehrteren Bariton besaß. Francesca Lombardi Mazzullis in der Tat schon so zauberhafter, phrasierend-klarer Sopran hielt darüberhinaus alles parat, was die männergierige, 800 Jahre alte Schönheit Alcina ausmachte: siegesgewisses Beherrscherinspiel, aufreizende Oberlüsternheit, Koketterie und schicksalsgeplagter Furor. Wie immer bei Ehrhardt: ein verlässlicher Volltreffer! Erst ein überredungskünstliches, lustiges, jedoch bereits willensstarkes Begrüßungskomitee, erwiesen sich die besonnene, aufrichtiger auf Glück bedachte Clizia mit Margherita Maria Salas ausgewogenem, elegantem, leichtgeführtem Alt und die standhafte, beflügelte Lesbia mit spitzdiamantenem, gleich begeisterndem Soprankönnen als wahrlich beachtliche Griffe. So wie dieser Gazzaniga.

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