Etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann wird in Deutschland im Laufe seines Lebens von einer Depression befallen, in den Niederlanden gilt das für jeden fünften Bürger. Der Regisseur und Mitbegründer der Opera2Day aus Den Haag, Serge van Veggel, hat diesen Umstand als Ausgangspunkt für seine neue Opernproduktion genommen: Opera Melancholica, mit Edgar Allen Poes meisterhaften Kurzgeschichte vom Untergang des Hauses Usher als literarische Basis. Vor schon über 100 Jahren hatte Claude Debussy eine Oper über diesen vielschichtigen Text zu schreiben begonnen, dieses Projekt aber nicht vollendet. Der heute 83-jährige Philip Glass, geboren in Baltimore, der Stadt in der Poe 1849 unter mysteriösen Umständen starb, hat seine Kammeroper gleichen Namens 1987 vollendet.

<i>Opera Melancholica</i> © Marco Borggreve
Opera Melancholica
© Marco Borggreve

Um nicht im musealen Raum zu verdämmern, muss die Kunstform Oper neue Wege bewandern. Das mündige Publikum möchte nicht nur unterhalten werden, sondern auch neue Einsichten mit nach Hause nehmen. Opera2Day hatte darum der knapp 90-minütigen Minimal Music-Oper von Glass noch eine halbstündige öffentliche Publikumsbefragung vorangestellt. Im Theater Carré in Amsterdam hatte das Publikum kein Problem damit, dem „Anstaltsdirektor“ René M. Broeder auf seine persönlichen Fragen offenherzig zu antworten. So erfuhr man von einer im Publikum anwesenden Hausärztin, dass ihre türkischen Patienten selten mit Depressionen zu ihr kämen oder ein junger Mann erzählte von seiner ersten unglücklichen Liebe. Nicht für die Oper von Glass, sondern vor allem für diese Art praktischer Lebenshilfe war in den Vorankündigungen für diesen Abend geworben worden.

<i>Opera Melancholica</i> © Marco Borggreve
Opera Melancholica
© Marco Borggreve

Es dauerte dementsprechend eine ganze Weile bis das zwölfköpfige New European Ensemble unter Leitung von Carlo Boccadoro mit der eigentlichen Oper begann. Der Argentinische Tenor Santiago Burgi hatte seinen Auftritt als manisch-depressiver Roderick stilecht mit elektrischer Gitarre und schwarzem Lodenmantel (Kostümentwurf Mirjam Pater) und es verwunderte nicht, im Programmheft zu lesen, dass er im Nebenberuf auch noch Rocksänger ist. Das Bühnenbild von Herbert Janse besteht aus einem naturgetreuen Nachbau des Hörsaals aus Rembrandts Gemälde Die Anatomie des Dr. Tulp. Im Mittelpunkt steht hier aber nicht ein Seziertisch sondern ein riesiger Totenschädel. Dieser steht im Wasser (und symbolisiert damit unter anderem den Schlossgraben) und wird während der Vorstellung geöffnet und nach oben in den Bühnenhimmel gezogen. Darunter befindet sich das Studierzimmer Rodericks, in dem sich Unmengen von Büchern, aber auch Schnapsflaschen stapeln.

<i>Opera Melancholica</i> © Marco Borggreve
Opera Melancholica
© Marco Borggreve

Sein Alter Ego / Jugendfreund William, gesungen vom kanadischen Bariton Drew Santini passte mit seiner warmen beweglichen Stimme elegant zu Burgi. Und auch Sopran Lucie Chartin ließ aus dem Off Madelines traurige Gesänge einfühlsam erklingen. Viel mehr Eindruck machte aber die auf der Bühne statt ihrer tanzende Ellen Landa vom Scapino Ballet Rotterdam. In der Choreographie von Ed Wubbe wusste sie die verschiedenen teils ekstatischen Wahnzustände dieser Figur (Rodericks Schwester/ihr Geist/sein personifiziertes Gefühlsleben) spannend und überzeugend auszubilden. Diese Operninszenierung bietet somit mindestens so viel fürs Auge als fürs Ohr, auch weil mit Blick auf die Akustik des modernen Theaterraums, Musiker, Schauspieler und Sänger elektrisch verstärkt werden müssen. Das geht deutlich zu Lasten einer präzise abgestuften dynamischen Bandbreite und lässt auch dem Timbre von Sängern und Musikern nicht vollständig zu ihrem Recht kommen.

<i>Opera Melancholica</i> © Marco Borggreve
Opera Melancholica
© Marco Borggreve

Nach über 30 Opern hat Glass, der vor fünf Jahren seine Autobiographie Words without music veröffentlichte, noch immer einen gewaltigen Schaffensdrang. Im nächsten Monat wird in Philadelphia seine neuste Oper The White Lama aus der Taufe gehoben.

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