Kunst und Wissenschaft, Metaphysik und Evolution. Diese großen Paradigmen wurden am Abend der Uraufführung von Extinction of a Minor Species greifbar getanzt. Ohne Worte, nur Körper erzählten mehrere Geschichten von der Prähistorie bis in die Zukunft. Schön, verstörend, sexuell, vulgär, gewaltvoll. Der ganze Ablaufplan einer Menschheitsgeschichte suchte seine Wurzeln in diesem Stück. Das dreiteilige Werk (A Minor Extinction, Premonitions of a Larger Plan, Postgenoma) suggerierte eine androide Geschichte, die einen an futuristische Kinoproduktionen erinnerte. Archaische Themen in Zukunftsbilder zu projizieren und der Frage nach dem Leben zu unterwerfen ist ein häufiges Thema des aktuellen Hollywood-Kinos, auf der Bühne ist es aber ein älterer Topos: Man denke an Stravinsky und Künstler der frühen Avantgarden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Theaterstücke unter dem Rückbezug auf die Urkräfte schrieben und diese Themen auch auf die Leinwand bannten.

<i>Extinction of a Minor Species</i> © Dominik Mentzos | Dresden Frankfurt Dance Company
Extinction of a Minor Species
© Dominik Mentzos | Dresden Frankfurt Dance Company

Was leistet die getanzte Uraufführung zu diesem Topos? Welchen Stellenwert kann die Technik und die Wissenschaft bei solchen Narrativen einnehmen? In tänzerischer Manier gesagt: Prothesen, die den menschlichen Körper auf Stelzen stemmen und zu komischen Göttern und Satyr-Wesen werden lassen. Etwas schleppend trugen sich diese über die Bühne. Sie schlichen wie vergessene Götzen daher.

Aber die Eröffnung, das war der Urknall, die zündende Energie, das Gewitter, aus dessen Energieraum der ganze Abend zehrte. Zusammengepfercht und im Schutz des Schwarms koordinierte sich ein komponierter Körper aus vielen Tänzern, der von den übermenschlichen Wesenheiten gesprengt wurde. Dabei ertönten bis ins Mark dringende Bässe und sphärische Klänge von 48nord, die zusammen mit dem Licht-Donner einen fulminanten Einstieg leisteten.

Und irgendwo eröffnete Basso Ostinato, eine zeitgenössische Komposition von Rodion Schtschedrin, die Möglichkeiten für Ruslan Bezbrozh die Tänzer zu begleiten. Die restliche Musik wurde eigens für diesen Abend komponiert und bestand aus Bezbrozhs gekonnt eingeworfenen Improvisationen und der typisch elektronischen Sound-Welt von 48nord. Dabei blieb die Uraufführung vor allem ein visuelles Ereignis, bei der die Musik des öfteren in Vergessenheit geriet. Sie begleitete die Szenen, wurde zur Erfahrung des ästhetischen Erlebnis genutzt und war hauptsächlich filmische Untermalung.

<i>Extinction of a Minor Species</i> © Dominik Mentzos | Dresden Frankfurt Dance Company
Extinction of a Minor Species
© Dominik Mentzos | Dresden Frankfurt Dance Company

Die Tänzer wurden ihres Körpers enthoben. Das Menschliche überhaupt suchte man in vielen Szenen, ohne es so richtig zu finden. Kaltes Licht, in andere Welten werfende Bewegungen, auch die Kostüme sorgten für die apokalyptischen Bilder. Eines davon: Töne, in den kalten Tiefen elektronischer Musik gefunden, begleiteten den Auftritt einer Göttin. Diese lief in Zeitlupe durch die Luft, unter ihr formierten sich immer wieder neu die kriechenden Körper, um ihren langsam gesetzten Fuß in ein weiches federndes Bett aus Händen und Muskeln zu tragen. Von einer Welle aus halbnackten Körpern wurde die Schaumgeborene gruselig langsam bis in die Mitte der Bühne gespült. Solche Glanzstücke brachen den tänzerischen Bewegungslauf auf.

Im zweiten Teil trafen die vereinzelten Körper auf die mythische, wie auch auf die astrologische Welt: Zwei Herren der Schöpfung in Motorradkleidung – oder schwarz-weißen Astronautenoutfits? – gekleidet, marschierten und kontrollierten den Lauf der Dinge. Später ihrer Rüstung entledigt, verfielen sie in einen getanzten männlichen Konkurrenzkampf, der von 48nord in laserwaffenartige und filmische Action-Musik gelegt wurde. Da fehlte irgendwie ein ironischer Ton in der Matrix-Star-Wars-Szenerie, um diesen Streit gut finden zu können.

<i>Extinction of a Minor Species</i> © Dominik Mentzos | Dresden Frankfurt Dance Company
Extinction of a Minor Species
© Dominik Mentzos | Dresden Frankfurt Dance Company

Die mikrobiologischen Prozesse, versinnbildlicht von Tänzerinnen auf Spitze, mit einer Membran auf dem Kopf, die mit ihrer Form an einen Tropfen menschlicher Flüssigkeit aus sich bewegender Keimzellen erinnerte, tänzelten in trippelnden Schritten über die Bühne. In den vielen Sequenzen fanden sich naturmagische Belebungen, wie die ausgestreckten Hände, die sich nach einer Berührung zurückzogen, wie die Tentakel einer Anemone. Transparente Folien zeugten von für den Blick halbdurchlässige Membranen. Zwischen den Bildern war die Choreografie in den Hintergrund getreten und die flüssigen und zuckenden Parts, die äußert selten in gedrehten Posen kulminierten, ließen weniger einen musikbezogenen Tanz zu. Eine unmenschliche Welt mit viel Verfremdung wurde dadurch zum Vorschein gebracht.

Was mit einer aufpeitschenden und beeindruckenden Bilder-Erzählung begann, verflüssigte sich immer mehr in die Abläufe der Choreografien. Einzelne Einfälle sorgten für Überraschung, aber die große Narration, die am Anfang aufgenommen wurde, war am Ende nicht zur Zufriedenheit zu Ende erzählt. Dafür konnte man sich später am Abend immer mehr an den Tänzern erfreuen. Gerade der dritte Teil, der hauptsächlich aus einem Pas de Deux bestand, zeigte das beeindruckende Selbstverständnis der Company. Aber die exakten Bewegungen fanden in der Choreografie nicht immer ihren stimmigen Ausdruck. Erst kam diese überwältigende Bilderflut und dann der Tanz. Der Übergang von einem zum anderen sorgte zwar für dramaturgische Diversität, schien aber am Ende den Spannungsbogen nicht richtig halten zu können.