Wenn eine der gefragtesten Sopranistinnen unserer Zeit in die Rolle ihrer berühmtesten Landsmännin schlüpft, ist der Grundstein für einen ereignisreichen Opernabend schon gelegt. Die schwedische Weltpremiere Notorious nach dem Film von Alfred Hitchcock zeigt in einer rundum gelungenen Produktion, dass auch zeitgenössische Opern noch eine große Zukunft haben können.

Nina Stemme (Alicia Hauser) und John Lundgren (Devlin) © Mats Bäcker | Göteborgs Operan
Nina Stemme (Alicia Hauser) und John Lundgren (Devlin)
© Mats Bäcker | Göteborgs Operan

Notorious is a story about love, how it blinds us, yet is also the very elixir that makes life worth living.“ Wer den Film mit Ingrid Bergman und Cary Grant gesehen hat, weiß, dass die Handlung um Spionage, Kriegsverbrechen und zwiegespaltene Liebe mehr als genug Dramatik für eine Oper zu bieten hat. Das Libretto von Kerstin Perski orientiert sich soweit am Film, um für ein paar charmante Déjà-vu-Momente zu sorgen, nimmt sicher aber auch genug Freiheiten, den Stoff operntauglich zu machen. Dies gelingt ihr vor allem in eingeführten  Monologen der Protagonisten, die deren Motive und Handlungsweisen dem Publikum noch mehr verdeutlichen. Die Musik, die basierend auf dem Text und in symbiotischer Zusammenarbeit mit Perski entstand, scheint sich perfekt an die Worte anzupassen. Jeder Charakter erhält seinen eigenen Ton und vermittelt eine ganz eigene Stimmung. Die lange Entstehungszeit, in der die Sänger teilweise schon vor der Musik festgelegt waren, erlaubte es Hans Gefors, eine maßgeschneiderte Partitur für die einzelnen Stimmen zu entwerfen. „Für einen Komponisten wie mich ist der entscheidende Aspekt eines Dramas, dass jeder Beteiligte singt, als wolle er überzeugen: sieh die Welt durch meine Augen!“ Wer bei der Premiere anwesend war, kann bestätigen: alle Sänger haben restlos überzeugt.

Allen voran war wie erwartet Nina Stemme der Star des Abends. Gleich zu Beginn erfüllte sie mit ihrem kernigen Klang den Saal. In heftigen Beschuldigungen gegen ihren korrupten Vater ließ sie der Kraft ihrer satten Tiefe freien Lauf und vermittelte das Bild einer selbstbewussten, leidenschaftlichen Alicia Hauser. Aber nicht nur diese kräftige Seite lag ihr ausgesprochen gut; ein Umschwung in der Handlung war stets auch in ihrer stimmlichen Darbietung zu hören. Als sie in Rio ankam und an einen Neubeginn mit ihrem Liebsten Devlin glaubte, bekam ihre Stimme einen ganz neuen lyrischen Ton, präsentierte einen weichen Klang, der nichts von seiner Stärke am Beginn eingebüßt hat. Wie wir wissen, ist ihr Liebesglück von kurzer Dauer, und schnell fand auch der dramatische Ton wieder Einzug in ihr Spiel. Ihr zuvor sparsam eingesetztes Vibrato gewann durch den gezielten Einsatz an Durchschlagskraft, und auch die schnellen Wechsel von legato zu staccato hoben die zwiegespaltene Lage ihrer Gefühle hervor.

Michael Weinius (Alex) und Katarina Karnéus (Madame Sebastian) © Mats Bäcker | Göteborgs Operan
Michael Weinius (Alex) und Katarina Karnéus (Madame Sebastian)
© Mats Bäcker | Göteborgs Operan

Als Spion und Liebhaber Devlin trat der schwedische Bariton John Lundgren auf. Seine Stimme vermittelte eine nicht anzuzweifelnde Autorität und einen stählernen Willen. Wie auch bei Stemme fügte sich seine gesangliche Darbietung direkt in sein Schauspiel und machte die Handlung dadurch noch fassbarer. Die verschiedenen Facetten seiner Rolle brachte er durch einen Wechsel zwischen enger, trotziger und schwärmerisch seufzender Stimmfarbe zum Vorschein. Mit dem verzweifelten Ruf nach seiner Geliebten im Falsett machte er auch die zerbrechliche Seite seiner Figur sichtbar.

Als zwei weitere Solisten traten Michael Weinius und Katarina Karnéus auf. Die Mezzosopranistin gab ihren Melodien stets einen durchdringenden Klang, der bei den kurzen Einwürfen ihrer Rolle als misstrauischer Schwiegermutter einen exaltierten Ton annahm. Als ihr Sohn Alex ist der 2004 zum Tenorentum konvertierte Schwede Michael Weinius zu hören. Der schmeichelnde Charakter seiner Stimme wurde nur selten durch einen forschen Aufschrei unterbrochen, der meist seiner Frau Alicia galt. Eine der schönsten Szenen des Abends wurde ganz von der weichen Farbe des Tenors dominiert: das Terzett im vierten Akt zwischen Alex, Alicia und Devlin. Alle drei sind von einzelnen Scheinwerfern beleuchtet, nichts außer ihnen ist auf der Bühne erkennbar. Alle singen sie von Liebe, der enttäuschten, der unerfüllten und der sehnsuchtsvollen. Mit zarter Stimmführung und wunderbar aufeinander abgestimmt singen die drei Stimmen wie aus einem Mund und werden nur ganz leise von den Streichern begleitet. An dieser Stelle sind die Worte nicht mehr bloß gesungen, sondern zu Musik geworden.

oben: Michael Weinius, Katerina Karnéus & Ensemble, unten Nina Stemme & John Lundgren © Mats Bäcker | Göteborgs Operan
oben: Michael Weinius, Katerina Karnéus & Ensemble, unten Nina Stemme & John Lundgren
© Mats Bäcker | Göteborgs Operan

Auch weitere gefinkelte Einfälle gelingen Gefors in seiner Partitur. Szenen mit Chor gestaltet er zum Beispiel dramatisch laut oder mit gezischten Lauten, was der Oper ihren nach dem Titel „berühmt-berüchtigten“ Charakter verleiht. Auch der südamerikanische Flair von Rio erklingt immer wieder im Schlagwerk, während kurze Figuren der Geigen an kreischende Möwen erinnern. Neben den Sängern ließen sich auch die Instrumentalisten nicht anmerken, dass sie hier ein brandneues Werk aufführten. Unter der musikalischen Leitung von Patrik Ringborg schienen alle in Hochform zu glänzen. Eingebettet wird die ganze Szenerie von der klugen Regie Keith Warners, die geschickt Bekanntes mit Neuem kombiniert. Das Bühnenbild spielt viel mit Projektionen, die mit ihren Bildern in Schwarz-Weiß an den Film von 1946 erinnern. Sogar die Kostüme sind teilweise ganz in der Manier des Klassikers gehalten; an anderen Stellen erfüllen neue Einfälle den dramatischen Anspruch der Oper.

Ein Blick in das umfangreiche Programmheft zeigt die Vielschichtigkeit der Produktion. Ich meine, das Konzept einer spannenden, modernen Oper ist voll aufgegangen.



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