Scheiden tut weh: Der Mensch trennt sich nicht leicht von seinen Lieben, und Wagners Göttern geht es nicht besser, siehe Wotans Abschied von Brünnhilde in der Walküre. In dieser Vorstellung an der Wiener Staatsoper sang Nina Stemme ihre letzte Brünnhilde, oder, besser gesagt, sie fuhr einen letzten Brünnhilden-Triumph ein. Buchstäblich „Starke Scheite“ schichtete sie zum letzten Mal auf, bevor sie ein loderndes „Fliegt heim, ihr Raben“ gab, und Axel Kober das wohl monumentalste Götterdämmerung-Finale dirigierte, das man derzeit erleben kann – ein sensationelles Ende in mehrerlei Hinsicht, das vom Publikum zunächst mit staunender Stille quittiert wurde bevor euphorischer Jubel losbrach.

Nina Stemme (Brünnhilde) und Michael Weinius (Siegfried)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Nun wird das Ring-Ende in Wien vom Publikum immer mit einem freudig-beseeltem und einem weinenden Auge aufgenommen, aber was es heißt, Stemme nie wieder als Brünnhilde zu erleben, wird man erst realisieren müssen. Wie es der fulminanten Schwedin mit diesem Abschied geht, weiß nur sie selbst. Fürs Erste schien jedenfalls die Freude über den gelungenen Abend im Vordergrund zu stehen.

Sie hatte vielleicht nicht den besten Beginn, fing sich aber bald, ganz im Gegensatz zu Michael Weinius, der ihr leider kein ebenbürtiger Partner war. Sein Götterdämmerung-Siegfried nimmt sich eher als work in progress aus, denn die Mängel beim Legato und beim Atem, die im Siegfried-Finale noch als „normale“ Ermüdungserscheinungen hinnehmbar waren, waren in der Götterdämmerung von Beginn an vorhanden. Immerhin gelang Siegfrieds große Szene vor seiner Ermordung durch Hagen ordentlich, aber das ist zu wenig – die Partie der Tosca besteht ja auch nicht nur aus „Vissi d’arte“. Bei der Todesszene selbst würde man gern glauben, dass die rezitativische Darbietung schauspielerischem Realismus geschuldet war, eher waren aber doch die stimmlichen Reserven ausgeschöpft.

Regine Hangler (Gutrune) und Clemens Unterreiner (Gunther)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Von einem ganz anderen Kaliber gestaltete sich hingegen die Szene zwischen Brünnhilde und Szilvia Vörös als Waltraute. Letztere gab ein Lehrbuchbeispiel dafür ab, wie man mit dieser nicht gerade großen Partie auf sich aufmerksam machen kann. In ihre üppige Mezzostimme legte sie alle Emotionen, von der diese Figur geplagt ist – schließlich ist sie wie einst Brünnhilde aus hehren Motiven zu einer ungehorsamen Wotan-Tochter geworden. Darstellerisch gefiel auch Regine Hangler als Gutrune, doch vermisste man in den Szenen mit Siegfried und ihrer „lieben“ Familie den stimmlichen Liebreiz, die Wagner dieser Partie zugedacht hat. Die Verzweiflung und Unsicherheit ihrer einsamen und schlaflosen Nacht im dritten Aufzug gelangen ihr weit überzeugender.

Michael Weinius (Siegfried), Albert Dohmen (Hagen) und Clemens Unterreiner (Gunther)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Die Nornen waren mit Noa Beinart, Stephanie Houtzeel und Regine Hangler gut besetzt und irrlichterten spielfreudig durch die Christbaumschonung, die ihnen in dieser Inszenierung als Kulisse dient. Im Gegensatz dazu mussten sich die Rheintöchter (Joanna Kędzior, Patricia Nolz, Stephanie Maitland) gesanglich erst zusammenraufen, um ein stimmiges (Hör-)Bild abzugeben. Die Bechtolf-Inszenierung in der Ausstattung von Rolf und Marianne Glittenberg („Synchronschwimmerinnen mit Badehauben im gekachelten Hallenbad“) bietet auch keine optische Ablenkung, wenn die Dinge einmal nicht rund laufen. Die restliche Ausstattung kann man immer wieder sehen und wird sie wahrscheinlich trotzdem vergessen, wohingegen die Choreographie und die Personenregie immer noch brauchbar sind und offensichtlich gepflegt und gut einstudiert werden.

Michael Weinius (Siegfried) und Albert Dohmen (Hagen)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Das männliche Trio infernale dieser Götterdämmerung bildeten Clemens Unterreiner als Gunther, Jochen Schmeckenbecher als Alberich und Albert Dohmen als Hagen. An Unterreiner gefiel, dass er Gunthers Schwäche ohne persönliche Eitelkeit sichtbar machte. Auch gesanglich gelang ihm alles, doch gibt es in seinem breit gefächerten Repertoire etliches, was ihm besser liegt. Schmeckenbecher gab einen tadellosen, getriebenen und rachsüchtigen Alberich. Als dessen Sohn schlug sich Dohmen wacker und mit einigen hintergründigen Momenten rund um die Blutsbrüderschaftsszene zwischen Siegfried und Gunther, die Mannen-Rufe waren allerdings viel zu harmlos. Er mag zwar nicht die ideale, abgrund-tief schwarze Stimme für Hagen haben, gefiel mir aber trotz mancher Einschränkung besser als viele der Vibrato-Wackelkandidaten, die ich schon erlebt habe.

Nina Stemme (Brünnhilde)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Dass man Hagens Schlussworte „Zurück vom Ring“ nicht hörte, ist jedoch nicht Dohmen, sondern Axel Kober anzulasten. Wenn jedoch das Finale mit dem Zusammenbruch der Götterwelt, wie eingangs erwähnt, derart grandios ausfällt, kann man das dem Dirigenten nachsehen. War Siegfried noch auf der lauten und düsteren Seite des Rheins daheim, so leuchtete die Götterdämmerung in umso prächtigeren Farben. Kober gestaltete differenziert, bereitete die Höhepunkte sorgfältig vor und baute große Spannungsbögen. Interessante Akzente setzte er bei Siegfrieds Tod damit, dass die Figuren in den Kontrabässen eher überrascht-verhuscht statt betont gespielt wurden, und das im Mannen-Chor recycelte Schmiedelied-Motiv mehr als sonst hervorstach. Orchester, Chor und Extrachor waren bestens disponiert und das ebenfalls tadellose Bühnenorchester sorgte für großartige räumliche Effekte.

Fazit: Ein Abend mit Höhen und Tiefen, aber unvergesslich.

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